Pretty//Vacant

and we don’t care… So hört es auf und darum geht es denn auch. Um Des-Interesse geht es. Darum dreht sich vieles in diesem Lied und deshalb ist es 43 Jahre nach der Veröffentlichung so relevant wie es das am ersten Tag war.[1] Tatsächlich muss es als Idee schon überaus relevant gewesen sein. Sonst wäre es ja gar nicht erst geschrieben worden. Nur: Wenn Desinteresse bekundet wird, dann liegt der Anlass dort, wo keiner sein kann: Der Anlass dieses Liedes liegt in seiner Anlasslosigkeit.

Im Grunde, den es nicht gibt und auch gar nicht geben kann, weil das alles, wie es im Text heißt, zu viel ist, gerät das Lied permanent mit sich selbst ins Gehege. In fast jeder Zeile liegt ein Widerspruch. Noch evidenter wird das im Refrain. „Wir sind so schön“, das behauptet dieser, „und Ihr seid so schön.“ Aber am Ende proklamiert er keine alle und alles umfassende Schönheit, sondern es wird auf eine ganz schöne Leere verwiesen. Auch hier verbirgt sich ersichtlich ein Widerspruch. Denn ist eine Leere, die sich als solche anpreist, nicht allein deshalb bereits mit etwas angereichert, weil sie das tut? Natürlich ist sie das. Aber das ist ja völlig irrelevant, denn, und das nun ist das wirklich Bedeutende, ähm nein: Bedeutungslose: We don’t care. Und derart wiederum artikuliert sich der Widerspruch schlechthin.

Denn ein Inhalt, der etwas besagt wie: „Es ist interessiert uns nicht, es ist uns egal“, der beginnt sich zu widersprechen, sobald er vermittelt wird. Ja, es handelt sich sogar um den performativen Widerspruch schlechthin. Denn wer behauptet, es sei ihm egal, was Andere (von ihm) denken, der muss dafür das Denken just jener Anderen adressieren und auch erreichen, denen er mitteilen will, dass es ihm egal ist. Folglich muss er Interesse an etwas zeigen, von dem er behauptet, keines zu haben. Die Botschaft des „Es-interessiert-uns-nicht“ an ein dafür vorgesehenes Publikum zu richten, bekundet genau das, was mit großer Geste von sich gewiesen wird: Interesse. Der Inhalt und die Handlung, die nötig wird, um diesen zu vermitteln, fallen auseinander und sie widersprechen sich. Ein als Inhalt behauptetes Desinteresse und eine Vermittlung, die Interesse demonstrieren muss, um als solche angenommen werden zu können, ja überhaupt nur anzukommen, liegen in einem unübersehbaren Clinch miteinander.

Darin liegt die unerhörte Geste dieses Liedes. Es spricht ersichtlich nicht die Wahrheit. „Es ist uns egal“, sagt es, „aber Ihr sollt oder müsst wissen, dass es uns egal ist“ vs. „also kann es uns gar nicht egal sein“. Der Widerspruch birgt sich schon in der schieren Existenz dieses Liedes. Streng genommen dürfte es in dieser Form nicht einmal existieren. Augenscheinlich tut es das aber. Also ist da tatsächlich ein Widerspruch, und man könnte vermuten, er sei gewollt. Zudem wird dieser Widerspruch transportiert. Denn dieses Lied, das sich in seiner bloßen Existenz bereits widerspricht, ist oft gespielt worden und es wird noch gespielt. Auf alle, die es sich nach wie vor durch ihre Gehörgänge jagen, prasselt unablässig eine Botschaft ein, durch die die Sex Pistols ihm und ihnen allen sagen, dass er und sie alle „schön, aber schön leer sind und… dass es sie nicht interessiert.“ Da das Lied seine Adressaten gesucht und gefunden hat und sie noch findet, wird hier andauernd eine Botschaft vermittelt, die sich in dieser Vermittlung selbst unterläuft, ja, die sich zu dem Zeitpunkt, zu dem sie vermittelt wird, allein deshalb schon ausgehöhlt hat, weil sie vermittelt werden will. Und das will sie offenkundig, sonst wäre die ganze Übung doch obsolet. Diese Botschaft hat sich in dem Moment falsifiziert, in dem sie aus der Mundhöhle ihres Sprechers tritt.

Diese Spannung ist es, die das Lied trägt. Denn war es nicht unerhört, sich aufwendig arrangiert, für jeden sicht- und nachvollziehbar irgendwo hinzustellen und – implizit und explizit – zu sagen: „Es ist mir/uns egal“? Eine solche Präsenz, in der die Vermittlung dem Inhalt widerspricht, nimmt sich fortlaufend selbst den Grund, sie zieht sich stetig den Boden unter den Füßen weg. Und im eklatanten Widerspruch dazu liegt in genau dieser Grundlosigkeit der Grund schlechthin. Der einzige Ort, an dem so etwas existieren kann, ist deshalb eine Art Nicht-Ort, einer, der sich als solcher selbst ständig verleugnet und auch verleugnen muss, einen, den es in der Form, in dem er sich dem Publikum präsentiert, überhaupt nicht geben kann, weil er auf nicht viel mehr als einem stetig wiederholten Widerspruch beruht.

Die Botschaft wird somit von einem Ort aus vermittelt, der sich weder begründen will noch begründen kann. Es ist dies ein Ort, der sich als solcher nur behauptet, ein Ort aber auch, der in der Annahme dessen, was er fälschlicherweise behauptet, schließlich – im erneuten Widerspruch zum vorher Behaupteten – doch begründet wird. Denn da gerade von der unheimlichen Botschaft des „es-interessiert-uns-nicht“ abzusehen war – und ist –, das sie auf ein immenses Interesse stößt, hat sich dieser ortlose Ort immer schon begründet. Wohl geht ihm die Begründung dessen, was er behauptet, voran. Man scheint ja auf das, was hier (nicht) vermittelt wird, gewartet zu haben, sonst hätte es sich doch gar nie etablieren können. Das hat es offenkundig. Ja, vielleicht hat man es sogar regelrecht herbeigesehnt.

Aber wenn man auf ein ostentativ vorgetragenes „es ist mir egal“ gewartet hat, auf den Widerspruch einer demonstrativ angezeigte Nicht-Zugehörigkeit, was heißt das denn? Liegt hier etwa eine Infragestellung der Kommunikation überhaupt vor? Da sind doch nur die leeren Geste, die man beschreibt, Gesten, die zwar nicht anders können, als irgendetwas zu vermitteln – und doch bleiben sie eigentümlich leer. Eine Vermittlung hat zwar unzweifelhaft stattgefunden, irgendeine… nur: welche denn? Aber selbst wenn da wirklich nichts als Fassade sein sollte, bleibt der Hinweis unumgänglich, dass die Fassade sich selbst trägt – und dadurch hat man ihr eine zusätzliche Stütze gegeben, ob man das nun will oder nicht.

An Illusionen glaubt man allerdings nicht, weil viel zu viel real ist. Die Ignoranz, die man auch im Manöver selbst verorten könnte, liegt durchaus nicht vor. In einem solchen Glauben liegt im Gegenteil die eigentliche Täuschung. Denn man weiß ja, was man da erfährt. Das vermittelte Des-Interesse ist im Gegenteil das Interesse schlechthin. Was gibt es denn Anti-Ignoranteres, als sich gut sichtbar irgendwo hinzustellen und zu behaupten: „Es interessiert uns nicht“? Also: Die Ignoranz, die man erfährt, ist überaus real. Und sie scheint zu schmerzen und wird deshalb zurecht angeklagt.

„Gib nicht vor, etwas zu sein, das Du nicht bist, denn es interessiert mich nicht.“ Der immer schon mitgedachte Adressat der Botschaft, derjenige also, der sie überhaupt erst in einen Widerspruch überführt, ist zugleich ihr Spiegelbild. In ihm erhält diese eigenwillige Intervention just jenen Sinn, dem sie sich so vehement zu verweigern scheint. Von einem Ort aus, der sich selbst unterläuft, wird die schlimmstmögliche Anklage an das dafür vorgesehene Publikum gerichtet. Diese kann ja nur lauten: „Ihr seid ignorant! Ihr tut nur so, als würde es Euch kümmern, doch tatsächlich interessiert es Euch einen Scheiß!“ Das Verbrechen liegt nicht einmal in dieser kalten Ignoranz selbst, sondern darin, dass sie unverfrorener Weise auch noch als Interesse erscheint. Die kalte Ignoranz hat selbst noch den Mut aus sich getilgt, sich zu sich selbst zu bekennen. Erst im Spiegelbild des „es interessiert uns nicht“, wird sie endlich als das entlarvt, was sie eigentlich ist.

Im Grunde – es ist dann halt doch einer – zerren die Sex Pistols in einem radikalen Selbstermächtigungsakt die Menschheit selbst vor ihren eigens dafür einberufenen Gerichtshof, und sie selbst, die sie über dieses Desinteresse singen, sind dadurch Kläger und Angeklagter zugleich. Man kann sich ja nicht selbst aus dem Spiel ziehen, das man anklagend beschreibt. Und irgendwoher kommt der Wille, gerade diesen Inhalt zu vermitteln. Sich selbst haben sie demnach längst schon der Falschmünzerei überführt, vor dem eigenen Gerichtshof sind sie als erste erschienen, sonst hätte er in dieser Form gar nicht aufgestellt werden können. Denn wiewohl das Interesse als nur simuliertes entlarvt ist – sollte es da noch ein anderes geben?

Nun ist das Verbrechen der Ignoranz eines, das wohl ubiquitär ist, dabei aber keines, das sich in entsprechenden Vergehen zweifelsfrei nachweisen lässt. So werden fortlaufend komplexe Gerichtsverfahren für alle möglichen Verbrechen eröffnet – und gerade dieses Verbrechen schlechthin bleibt deshalb ungesühnt, weil es sich noch als das Verbrechen, das es ist, verleugnet. Von diesem Gerichtshof, der hier exemplarisch von den Sex Pistols eröffnet wird,[2] kann man zwar gar nicht nicht erscheinen, doch ist man aus den genannten Gründen immer schon freigesprochen.

Und deshalb, weil man gar nicht anders kann als anzunehmen, dass die so angeklagte kalte Ignoranz auch nach dieser subtilen Anklage fortbestehen wird, ist die Botschaft eine, die nicht, vielleicht nie, eingelöst werden kann. Echtes, ehrliches Interesse wäre der Tod dessen, was in „Pretty Vacant“ geltend gemacht wird. Solange das Geschehen jedoch ein von einer Ignoranz durchsetztes bleibt, die nur als Interesse erscheint, wird die Leerstelle, von der aus dieselbe Ignoranz angeklagt wird, ihre Daseinsberechtigung behalten. Und diese Daseinsberechtigung wird gleichfalls immer eine bleiben wird, die mit sich selbst im Gehege ist. So sollte man sich darauf einstellen, dass diese Leerstelle dauerhaft besetzt werden muss. Das würde oder müsste man vermuten, wenn man das Fenster öffnet oder – sagen wir mal – das Internet.

 

Epilog

You’ll always find us out to lunch.

„Wohlgesprochen“, erwiderte Candide, „allein es gilt, unseren Garten zu bebauen.“[3]

 

[1] Die Single ist vor ziemlich genau 43 Jahren erschienen, im Juli 1977, und sie hat Platz 6 in der britischen Hitparade erreicht.

Der komplette, nicht sehr lange Text:

There’s no point in asking
You’ll get no reply
Oh just remember a don’t decide
I got no reason it’s all too much
You’ll always find us
Out to lunch

Oh we’re so pretty
Oh so pretty
We’re vacant
Oh we’re so pretty
Oh so pretty
A-vacant

Don’t ask us to attend
Cause we’re not all there
Oh don’t pretend ‚cause I don’t care
I don’t believe illusions ‚cause too much is real
So stop your cheap comment
Cause we know what we feel

Oh we’re so pretty
Oh so pretty
We’re vacant
Oh we’re so pretty
Oh so pretty
A-vacant

Oh we’re so pretty
Oh so pretty
Ah but now
And we don’t care

There’s no point
Oh we’re so pretty
Oh so pretty
We’re vacant

Oh we’re so pretty
Oh so pretty
A-vacant

Oh we’re so pretty
Oh so pretty
Ah but now
And we don’t care

We’re pretty a-pretty vacant
We don’t care

 

[2] Sie sind natürlich nicht die ersten, die solche Anklagen erheben.

[3] Voltaire, Candide oder Die beste der Welten. Gütersloh 1990: S. 176.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s