Über das digitale Image

Wenn jemand, wie ich selbst das gerade getan habe, bei Facebook „postet“, dann löst er etwas von sich ab, und unterstellt es der Begutachtung und Bewertung all jener, denen der Einblick darauf gewährt ist. Diese Ablösung vollzieht sich ohne dasjenige, was nunmehr einsehbar durch den Stream läuft, ganz von sich abtrennen zu können. Selbst wenn es nur bedingt identisch ist mit der konkreten Person, die hinter dem Bildschirm sitzt, muss das von ihr Gepostete allein deshalb etwas mit ihr zu tun haben, weil sie es gepostet hat. Wer postet, erfährt eine Art Verdoppelung seiner selbst: Einen dafür ausgesuchten Teil von sich hat er der Öffentlichkeit „zur Verfügung gestellt“, „der Rest“ der Person selbst verbleibt „dahinter“, in aller Regel, um darauf zu achten, wie ebendiese Öffentlichkeit darauf reagiert.

Deshalb weist, was einem als Aktion erscheint, eher den Charakter einer Re-Aktion auf. Denn wer agiert, um einer (digitalen) Öffentlichkeit etwas von sich zu präsentieren, muss schlechterdings selbst auf Reaktionen abzielen – auch wenn diese nur in ostentativer Gleichgültigkeit besteht. Infolgedessen geht die Antizipation der erhofften Reaktionen der Aktion des Postens voraus. Nichtsdestoweniger gibt, wer dergestalt re-agiert, etwas von sich frei-, vielleicht sogar preis-, er gibt ja allen, die das im Netz einsehen können, einen Zugriff darauf. Zugleich bleibt er (potentiell) jederzeit mit dem, was da abgespalten und einem digitalen Stream übermittelt worden ist, in Verbindung. Insofern steht das Gepostete einerseits unkontrollierbar im Netz; da man andererseits selbst darauf reagieren kann, bleibt das, was sich der eigenen Kontrolle entzieht, zugleich jederzeit für sie erreichbar.

Obschon wir außerstande sind, unsere Hand an ihm zu benetzen, ist das Bild des Flusses für den Facebook-Stream ein überaus zutreffendes. Dieser Fluss fließt durch die Mitte all jener, die ihn dadurch, dass sie Informationen in ihn einspeisen, erst fließen lassen. Obschon er nur deshalb fließt, geht er den je einzelnen Postings in seinen Konsequenzen voran. Ein jeder Poster sitzt an einer seiner unzähligen Quellen, treiben lässt man ihn gemeinsam. Zum Zeitpunkt, zu dem man postet, fließt er bereits und er wird auch dann noch fließen, wenn das Posting wieder in der digitalen Versenkung verschwindet – ein Schicksal, das zumindest deren Gros betreffen dürfte. Aktuell spricht noch vieles dafür, dass dieser Fluss nicht nur die je einzelnen Postings, sondern auch deren Poster überdauert.

Da, wer ein Posting präpariert, sich auf diesen Fluss beziehen muss, könnte man von einem „ontologischen Fluss“ sprechen, der auch das eigene Denken durchfließt. Wohl pachtet er dieses nicht gänzlich für sich, dennoch kommt, wer in ihm interagiert, nicht umhin, ihn mitzudenken. Insofern die Informationen, die ein jeder von uns in diesen Fluss einspeist, solche sein müssen, von denen wir wollen, dass sie von Anderen gesehen werden, vermitteln sie diesen ein Bild von uns selbst. Der Definition von Goffman folgend, der das Image als ein in Termini anerkannter Eigenschaften umschriebenes Selbstbild definiert, als ein Bild, das Andere übernehmen können,[1] ist sein Image das, was ein einzelner Poster in diesem Fluss von sich ablegt. Weil es sich um einen nicht wirklich fassbaren digitalen Fluss handelt, ließe sich von einem digitalen Image sprechen.

Da unser digitales Image sich aus dem zusammensetzt, was wir von uns in den digitalen Fluss eingeben – die Reaktionen, die wir darauf erhalten, sind dabei integraler Bestandteil –, entgeht es einer Doppelbewegung, einer Öffnung, die immer auch schließt: Wenn wir Anderen über diesen Fluss nur bestimmte ausgesuchte Informationen von uns offenbaren, schließen wir etwas aus ihrem Zugriff aus, was zugleich meint, dass wir etwas von uns in uns zurückbinden oder in uns einschließen. Die Tatsache allein jedoch, dass wir „Inhalte“ von uns öffentlich darbieten, bedingt eine gewisse Öffnung und das auch dann, wenn das so von uns Präsentierte mangelhaft oder trügend ist. In diesem digitalen Fluss treten wir einander demzufolge als digitale Erscheinungen gegenüber, nicht als „Dinge an sich“.[2] Die diesbezüglichen „Dinge an sich“ bleiben uns unzugänglich. Man muss sich in der digitalen Welt wechselseitig als das nehmen, als was man sich einander präsentiert: Als digitale (Re-)Präsentation von einem selbst.[3] Auch Spekulationen über das, was „eigentlich dahintersteht“, bleiben auf das präsentierte Bild angewiesen.

Als eine Art vorangehende Kontrolle gebietet der ontologische Fluss so über all jene, die ihn durch sich fließen lassen (müssen). Denn wenn wir einander in ihm als digitale Repräsentationen unserer selbst entgegentreten, beobachten nicht nur wir diesen Fluss, sondern, und das vor allem, er uns. Was einer konkreten Existenz entbehrt, so sollte man zwar meinen, kann nicht (zurück-)schauen und doch tut dieser Fluss genau das. Er tut es indirekt, es sind die je Anderen, die ihn durch ihre Postings so zum Fließen bringen, wie wir selbst das tun, die uns durch ihn observieren. Da wir ihnen etwas von uns präsentieren wollen, lasten ihre verinnerlichten beobachtenden Augen schon auf uns, bevor wir posten. So ist dieser Fluss insoweit unwirklich, als er ungreifbar ist, zugleich ist er insoweit überwirklich, als er zu gewissen Maßen über unser ganz konkretes Handeln verfügt. Dergestalt fertigt die internalisierte Beobachtung durch Andere ein vorgefertigtes Image an, in das sich jemand zwangsläufig einfügt, der etwas postet. Dieser innere digitale Beobachter kann einen durchaus auch dann (ver-)folgen, wenn man nicht online ist, das tut er allein, wenn man sich gedanklich mit seinem digitalen Auftritt auseinandersetzt. Da die Sorge um sein Image noch da ist, wenn der Computer ausgeschaltet ist, steht dieser innere Beobachter symbolisch für eine noch nie dagewesene Verzahnung von digitalen Technologien und dem sozialen Handeln einzelner Nutzer.[4]

Wer glaubt, im Stream sich zu zeigen, taucht unvermeidlich in etwas ein, das von Anderen für ihn vorgefertigt worden ist. Das gilt auch für jene, die sich glauben lassen, sie würden sich in ihrer Selbstdarbietung solchen impliziten Forderungen verweigern. Denn wer sich verweigern will, setzt sich zwingend gedanklich mit dem Gegenstand seiner Weigerung auseinander. An vorgängige Erwartungshaltungen bleibt man auch und vielleicht sogar vor allem dann gebunden, wenn man diese überschreiten will. Der Poster kommt nicht umhin, die digitale Kontrollstruktur in sein Denken aufzunehmen. Er schleppt einen dauernden Beobachter seiner selbst mit sich herum.

Darin unterscheidet sich das digitale Image doch eigentlich gar nicht vom „normalen“ – was in diesem Fall meint: vom analogen – würde man an dieser Stelle vielleicht einwenden wollen, und dieser Einwand wäre überaus berechtigt. Der ontologische Fluss, an den das digitale Image gebunden wird, ist immer schon geflossen, nur war er noch nie so gut sichtbar, wie er das in seiner digitalen Form ist.[5] Man kann sein digitales Image vor dem Computer sitzend verfolgen und „live“ beobachten, ob es einem gelingt, das offenbarte Selbstbild durchzusetzen, ob man also die antizipierte und erhoffte Reputation gewinnt. Das eigene digitale Doppel starrt einen durch den ontologischen Fluss regelrecht an. Zu entgehen ist ihm nicht, denn noch wer sich über den Verstoß gegen die digitalen Spielregeln definieren will, muss just dafür von Anderen wahrgenommen und anerkannt werden. Auch, wer sie sprengen will, verbleibt jederzeit innerhalb der Grenzen des digitalen Imagespiels. Dessen Grenzen lassen sich neu ziehen, nicht aber aufheben.

Da er in seiner internalisierten Form in uns präsent ist und uns deshalb andauernd überwachen kann, handelt es sich beim digitalen Fluss um eine Art verbessertes Panoptikon, dessen wahrer Effekt es ist, so zu sein, dass selbst wenn niemand da ist, das Individuum sich nicht nur beobachtet glaubt, sondern beobachtet weiß, und konstante Erfahrung darin hat, in einem Zustand für einen Blick zu sein.[6] In die Widersprüchlichkeit einer digitalen Freilaufzelle steckt das digitale Image auch seinen nicht-verrückten Träger; denn auch bei der digitalen Version des Images handelt es sich um eine Anleihe der Gesellschaft: Es kann entzogen werden, es sei denn, man verhält sich würdig. So machen anerkannte Eigenschaften und ihre Beziehung zum Image aus jedem Menschen seinen eigenen Gefängniswärter; es ist dies ist ein fundamentaler sozialer Zwang, auch dann, wenn ein Mensch seine Zelle gerne mag.[7] Der digitale Fluss steht so für die unumgängliche körperlose Verkörperung der je eigenen Unterwerfung unter die je Anderen. Dabei ist jeder Einzelne immer sowohl Beobachter wie auch Beobachteter und dadurch immer sowohl Unterwerfer wie auch Unterworfener.

Dieses digitale Gefängnis wirkt also auf den Körper des „Freilauf-Gefangenen“ ein, und zwar so, dass es den „Häftling mit beschränkter Haftung“ zur Annäherung an ein Ideal zwingt – ein gemeinsam generiertes Ideal, das niemandem wirklich gerecht wird –, an eine Verhaltensnorm, ein Modell des Gehorsams.[8] Doch gerade weil dieser durch alle fließende Fluss vereinheitlichend wirkt, wohnt dem digitalen Freilauf-Gefängnis zugleich etwas Befreiendes inne: In den fast unerschöpflichen Möglichkeiten der Ausgestaltung der je individuellen Zelle liegt ein „principium individuationis“. Wiewohl unser digitaler Auftritt ein unvermeidlich mit Vorgaben beladener ist, nennen wir jederzeit die Chance unser eigen, selbst an ihm zu feilen.

Obschon man unzweifelhaft handelt, wenn man etwas (von sich) postet, werfen die so unvermeidbaren wie subtilen Unterwerfungsprozesse des digitalen Images die Frage auf, inwieweit tatsächlich man selbst es ist, der da agiert, wenn man in den ontologischen Fluss eintaucht. Da ihm die verinnerlichte Beobachtung zwingend vorgängig ist, entlassen wir weniger von uns aus Informationen in die Welt, als schon bestehende Informationen durch uns zirkulieren und uns durchqueren, weshalb Posten keine Handlung ist, deren Urheberschaft einem selbst zugeschrieben werden kann. Der „einzelne“ Poster fungiert eher als Durchgangsstation eines Flusses, der sie zu ihrem Ursprungsort zurückkehren lässt: den bereits antizipierten beobachtenden Anderen. Es ist ja unumgänglich, dass die je anderen, uns durch ihn beobachtenden Partizipanten dabei massiv auf uns einwirken, weshalb es fraglich wird, ob und inwiefern überhaupt von unserer Handlung die Rede sein kann.

Je eher ein Einzelner sich deshalb auf dieses Spiel einlässt, desto raumeinnehmender werden diese digitalisierten Beobachter in ihm. Je mehr jemand „sich“ Anderen präsentiert, desto eher kann diese „Selbst“-Präsentation ihn selbst zum Verschwinden bringen. Je tiefer man in ihn eintaucht, desto gewaltiger durchströmt einen der ontologische Fluss – vor den eigenen Augen! –, um sukzessive das wegzuschwemmen, von dem man glaubt, es entspräche einem selbst. Insofern die innere Beobachtung einem den Raum zwar zu Teilen gibt, ihn insgesamt aber eher nimmt, wird über das so generierte digitale Image Transparenz hergestellt: Derart gleicht unser je „individuelles“ digitales Image uns Menschen einander an.

Unser digitales Image ist wohl eines, das als unsere Repräsentation nach außen strahlen soll, vor allem aber leuchtet es unser Inneres aus. Insofern die je einzelnen Menschen sich einer um den anderen auf es einlassen und sich darin einfügen, müsste der ontologische Fluss das Menschengeschlecht theoretisch auf einen Endzweck zufließen lassen.[9] Nach und nach nimmt er alle und alles in sich auf und gleicht es durch die gegenseitige Permanentbeobachtung einander an. Doch kann die fast zwingend angestrebte Gleichheit nicht erwirkt werden. Denn ein ontologischer Fluss, der nur noch und ungehindert fließt, hat schon wieder aufgehört zu fließen. Auch ein vermeintlich störungsfreies digitales Dahinfließen bleibt potentiell von dem bedroht, was ihm entgegenfließen könnte, weshalb es sich dagegen absichern muss.

Deshalb ist der immer mögliche Verstoß gegen die „Gebote des Fließens“, das, was diese eigentlich bedingt, denn gäbe es nichts, was „überflossen“ werden müsste, wäre das Fließen selbst (fast) obsolet. Die immer mögliche Abweichung der Richtung hält das Fließen, oder besser: die Fließrichtung, offen. Auch einem digitalen Fluss ist daran gelegen, all das, was sich nicht von ihm mitreißen lässt, zu erfassen und zu überspülen, um den möglichen Raum des Verstoßens sukzessive zu verkleinern. Weil er das tun muss, lässt ihn immer auch das fließen, was sich ihm – noch – entzieht. Die Bedingung der Erhaltung des Flusses wäre demnach eine permanente Reinigung dessen, was ihm widerstrebt. Ex negativo wäre damit das, was er reinigen will, auch das, was ihn eigentlich fließen lässt.

Eine Art ontologische Ungesichertheit ist das, was den digitalen Fluss überhaupt fließen lässt. Schließlich kann er kaum anders, als das nie restlos Kontrollierbare unter eine möglichst perfekte Kontrolle zu bringen. So fließt er zwar konstant, er bleibt aber insoweit ungesichert, als seine Fließrichtung jederzeit veränderlich ist. Wiewohl er eine Marginalie ist, kann jeder einzelne Teilhaber diese potentiell umlenken, und sei es nur durch ein einzelnes, immenses Aufsehen erregendes Posting. Da es seine einzelnen Bestandteile – also: einzelne Postings – sind, die den Fluss erst fließen lassen, droht ein jedes zwar stets (fast) unerkannt weggeschwemmt zu werden, doch besitzt ein jedes ebenso die Chance des verändernden Zugriffs. So beinhaltet der Kampf um Aufmerksamkeit, der dem Posten notwendig innewohnt, immer auch ein Tauziehen, in welche Richtung der Fluss zu fließen hat. Der Kern auch der „digitalen Kapitalisierung“ ist der Effekt, dass alle schauen, weil alle anderen auch schauen.[10] Wer sich imstande zeigt, dessen Fließrichtung zu bestimmen, der wirkt auf etwas ein, an dem die je Einzelnen schlechterdings nicht vorbeikommen, wenn sie ihr eigenes digitales Image ausgestalten.

Jene, die die Fließrichtung dirigieren wollen, müssen darauf achten, dass diese ungefähr beibehalten wird. Und das tun sie aufgrund besagter ontologischer Ungesichertheit auch des digitalen Flusses am ehesten über Strafe.[11] Das dürfte denn auch die eigentliche Aufgabe des Shit-Storms sein. Ein Shit-Storm, der bei einer Überschreitung impliziter digitaler Regelwerke erfolgt, sollte als eine Art digitale Strafe begriffen werden, die zwar an ihre ausführenden Akteure gebunden ist, dabei aber eher von jenem ontologischen Fluss aus vollzogen wird, der sie durchfließt. Diese Form der digitalen Strafe zwingt das einzelne ausscherende digitale Image wieder zurück in sein digitales Gehege. „Unserem“ uns vorangehenden digitalen Image wohnt somit etwas uns partiell Neutralisierendes inne.

Insofern die Angst vor Imageeinbußen durch einen Shitstorm dazu führt, dass man sein digitales Gehege gar nicht erst verlässt, liegt dessen eigentliche Wirkung weniger in ihm selbst, als in der Einschüchterung, die er auslösen kann. Folglich wäre die digitale Strafe das, was den digitalen Fluss eigentlich fließen lässt, das in ihrer konkreten Wirkung als nachträgliche Strafe nach erfolgtem Verstoß, vor allem aber in ihrer vorwegnehmenden Wirkung in der schieren Angst vor ihr. So verweist jede qua Shitstorm erfolgende Strafe zurück auf eine Unsicherheit: Wäre der Fluss schon sicher eingebettet, bedürfte er kaum solcher Sanktionsmaßnahmen, um sich am regelmäßigen Fließen zu halten. Desweiteren deutet die mitschwingende Straflust daraufhin, dass die ihn ausführenden Personen durchaus nicht so überzeugt sind von dem, was sie da verteidigen, sondern eher überzeugt erscheinen müssen, ansonsten bestünde kaum Anlass, eine Verweigerungshaltung derart abzustrafen. Ihr digitales Image lässt sie sich selbst zu Teilen zuwiderhandeln – und dafür lassen sie Andere büßen. Man müsste also davon ausgehen, dass der digitale Fluss, den wir alle gemeinsam durch uns durch fließen lassen, einer ist, der auch von Straflust und Strafangst durchströmt ist… Er würde wohl auch dann nicht anders können, wenn er noch wollen würde…

[1] E. Goffman, Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation. Frankfurt am Main 2010: S. 10.

[2] I. Kant, Kritik der reinen Vernunft. Hamburg 1976: S. 147.

[3] Laut Simanowski generiert Facebook diesseits narrativer Reflexion mehr oder weniger automatisiert eine episodische Autobiographie, deren eigentliche Erzähler das Netzwerk und die Algorithmen sind. R. Simanowski, Facebook-Gesellschaft. Berlin 2016: S. 18.

[4] F. Stalder, Kultur der Digitalität. Berlin 2017: S. 88. Ein simples Gespräch offline bei einem Bier über eine Begebenheit, die sich bei Facebook zugetragen hat, wäre ein nicht minder simples Beispiel dafür.

[5] Für Armin Nassehi speist sich das Unbehagen an der digitalen Kultur denn auch aus dem Sichtbarwerden dieser grundlegend modernen Erfahrung: Die Gesellschaft entdeckt sich mit Hilfe des digitalen Blicks. Es sind gerade die digitalen Mustererkennungstechniken, die wirklich ernst machen mit der alten geisteswissenschaftlichen Grundüberzeugung, dass sich hinter dem Rücken der Akteure Strukturen und Regeln finden lassen, die diesen weder bewusst sind, noch sich in deren Selbstbeschreibung niederschlagen. A. Nassehi, Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. München 2019: S. 42 und 59.

[6] „Je größer die Wahrscheinlichkeit“, so formuliert Schöpfer Bentham es, „dass eine bestimmte Person zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich überwacht wird, desto stärker wird die Überzeugung dieser Person sein – umso intensiver wird ihr Gefühl sein, wenn ich mich so ausdrücken darf, dass dem wirklich so sei.“ J. Bentham, Das Panoptikum oder das Kontrollhaus. Berlin 2013: S. 30. Und insofern der Fluss ja durch die Anderen zurückblicken kann, IST es ja irgendwie tatsächlich so. Inwiefern es in einer Zelle sitzt, das wäre zu diskutieren. Glaubt man dem nachfolgenden Zitat von Goffmann, müsste die Frage mit ja beantwortet werden. M. Foucault, Die Macht der Psychiatrie. Vorlesungen am Collège de France 1973-1974: S. 117. Da im Text der ontologische Fluss als eine Art verbessertes Panopticon dargestellt wird: Das ist ja vor allem geschehen, weil er Fluss eben – durch die Anderen – von der „Mitte“ aus zurückblicken und das sich ihm zeigende Handeln (apriori!) überprüfen kann. Foucault nun hält fest, dass dies bedeutend ist, weil die Macht automatisiert/entindividualisiert ist. M. Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main 1976: S. 259.

[7] E. Goffman, Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation. Frankfurt am Main 2010: S. 15.

[8] Butler orientiert sich hier an Foucaults „Überwachen und Strafen“. Die in Anführungszeichen gesetzten Begriffe sind vom Verfasser ergänzt worden. J. Butler, Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung. Frankfurt am Main 2001: S. 82.

[9] Man vollzieht, in den Worten Jochums, eine Praxis, die je nur singuläre und zeitliche Ziele verfolgt, dabei aber auf ein Eschaton hin orientiert ist, das freilich dem alltäglichen Handeln mit all seinen Kalkülen unerreichbar bleibt. An anderer Stelle ist ihm der Cyber-Space der Name für ein Projekt, das, indem es den Raum zusammen mit der Materie zu überwinden verspricht, alle Unterschiede dieser Welt, seien sie körperlicher, ökonomischer oder politischer Art, negieren will, um uns in der allumfassenden Intelligenz Gottes zusammenzuführen, eines Gottes freilich, der zur Gänze unsere eigene Schöpfung ist. U. Jochum, Kritik der neuen Medien. München 2003: S. 11 und 49. Der Verfasser würde hier ergänzen, dass es durchaus das sein muss, was der Cyber-Space will – oder: wollen muss; es ist zugleich aber auch das, was er nie wirklich erreichen kann, weil er aufgrund seiner Ungesichertheit für den Verstoß jenes Fleisches anfällig bleibt, das ihn deshalb auch bedingt. Er muss das nie einlösbare teleologische Versprechen immer wieder neu abgeben, was in der Konsequenz auf dessen ständige Wiederkehr hinausläuft.

[10] G. Franck, Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf. München/Wien 1998: S. 218.

[11] Der Begriff der ontologischen Ungesichertheit wird von Uwe Jochum in Bezug auf die moderne Wissenschaft wie folgt verstanden: „Die Denkgesetze werden nun auch zu einem sozialen Mechanismus, der es erlaubt, die Wissenschaft von der Personalseite her zu stabilisieren, indem man die Wissenschaftler zur Befolgung der einschlägigen Denkregeln verpflichtet und bei Zuwiderhandlung mit Exkommunikation droht und diese im Bedarfsfall auch vollzieht. Kurz, aus der ontologischen ist eine soziale Gesetzesnotwendigkeit geworden, die ihre ontologische Ungesichertheit durch den sozialen Zwang zur Befolgung von Denkgesetzen kompensiert und diesen Zwang dadurch versüßt, dass die Wissenschaft treibenden Subjekte ein globales Projekt voranzubringen meinen, das mit immer neuen Erfolgsmeldungen zu belegen scheint, wie weit man es durch den Verzicht auf Ontologie doch bringen kann.“ U. Jochum, Die Sendung des Paulus. Politik der Umkehr. Paderborn 2008: S. 18. Das wiederum würde zumindest implizit auf den Aphorismus 344 in Nietzsches fröhlicher Wissenschaft verweisen, in dem er festhält, „dass es immer noch ein metaphysischer Glaube ist, auf dem unser Glaube an die Wissenschaft ruht – dass auch wir Erkennenden von heute, wir Gottlosen und Antimetaphysiker, auch unser Feuer noch von dem Brande nehmen, den ein jahrtausendealter Glaube entzündet hat, jener Christen-Glaube, der auch der Glaube Platos war, dass Gott die Wahrheit ist, dass die Wahrheit göttlich ist… F. Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft. Werke in sechs Bänden. Band III. München/Wien 1980: Aphorismus 344. In diesem Fall wäre die Wahrheit nicht zwingend göttlich, doch läge sie in einem ontologischen digitalen Fluss, dem etwas Quasi-Göttliches innewohnen würde. Ähnlich wie Gott wäre dieser ontologische Fluss mit Strafgewalt bei Zuwiderhandlung ausgestattet, wie im göttlichen Fall würde auch hier die Strafe durch seine Repräsentanten vollzogen werden, jene, die über seine Fließrichtung verfügen.

4 Gedanken zu “Über das digitale Image

  1. Das Thema interessiert und gleichzeitig tue ich mich schwer mit den hier im Text verwendeten Definitionen und Zuweisungen philosophischer Begriffe auf Phänomene bei unser Aller Umgang mit digitalen Massenmedien.
    Der hier behauptete ont(olog)ische Fluss, gibt es so etwas überhaupt, entsteht aus Milliarden-facher Aneinanderreihung digitalisierter Postings. Auch wenn sich dieses Verteilen und Zustellen der Postings annähernd mit Lichtgeschwindigkeit vollzieht, ist es eher eine technische Meisterleistung als etwas Ontisches. Auch dass der Poster seinem Postat beim Verschwinden in der digitalen Aufmerksamkeit zuschauen kann, ist keine bahnbrechende Neuerung, sondern ein ganz normaler Vorgang bei jeder Kommunikation in Gruppen. Zwar scheint die Halbwertszeit dieser digitalisierten Medienschnipsel länger als beim gesprochenen Wort auf einer Party zu sein, – dass seine Archive den Briefwechsel der Altvorderen überdauert, darf berechtigt angezweifelt werden – und dennoch lässt die extrem kurze Aufmerksamkeitsbrennschärfe der Empfänger der Postingflut kaum ein sich an etwas abarbeitendes Entwickeln zu, weshalb digitale Massenmedien immer der Masse gegenüber Klasse den Vorrang geben. Wenn es also dem Poster in diesem extrem engen Korsett digitaler Postate gelingt – eng ist es deshalb, weil es technisch nicht machbar ist das Milliarden-fache Gezwitscher rechtzeitig zu verteilen und zuzustellen und zentralisiert zu verwahren – in so etwas wie ein stimmiges, in der Aufmerksamkeit (Likes und dislikes) steigendes Selbstbild zuentwickeln, dann ist er ein Profi oder ein klug programmierter Bot? Es gibt Abertausende dieser Profis und Bots und sie verfügen über das Wissen, das zugrundeliegende System für ihre Zwecke zu nutzen, je mehr Aufmerksamkeit je besser.
    Digitale Massenmedien ihrerseits können nur dann erfolgreiche Systeme sein, wenn es ihnen gelingt das dem Menschen innewohnende schamhafte Bewusstsein seiner selbst, mit ausreichend kluger Mathematik (digitale Algorithmen) für sich zu nutzen, sprich zum Verweilen und zur Teilnahme zu bewegen. Genau das geschieht beim Aufmerksamkeitssuchenden immerdann, wenn er sich mitteilt und Kontakt zum Austausch sucht. Je mehr follower je besser, je mehr Likes und Clicks und Views und Verweildauer, die Masse macht’s, will sagen, sie liefert ausreichend viele Daten, die dann analysiert werden können, um das Netz noch feiner zu weben.
    Aus diesem so konstruierten Cyber Web, dann Allwissenheit und Gotterfahrung herzuleiten, wie es Jochum tut, wirkt dreist. Dass der digitale Space, den diese Riesenspinnen des Cyber Webs der Welt bereitstellen, statistischen Regeln unterliegt und damit gerade nicht dem Individuellen dient, ist gewollt.
    Bereits Adolphe Qeuetelet konnte verblüffend genaue Aussagen über menschliches Verhalten statistisch herleiten, woraus sich dann bereits im 19. Jahrhundert die Diskussion um die Problematik des Begriffs vom Individuum eröffnete. Die moderne IT Technik ist heute mit ihren extrem schnellen Rechnern und sich selbst verfeinernden Algorithmen in der Lage statistische Ergebnisse und Aussagen zu liefern, die uns sogar an der individuellen Beschaffenheit von Menschen überhaupt zweifeln lassen. Das ist aber eher das Feld der Soziologie und und weniger der Philosophie, für einen ontologische Fluss jedenfalls, fehlt mir das schlüssige Argument.
    Dass unsere Grenzen der Selbstwahrnehmung verschwimmen und verändern, wenn wir uns täglich mehrere Stunden in diesen Spinnennetzen der globalen Digital Multis aufhalten, ist sicher beängstigend, weil sie der einer bipolaren Störung und schizophrenem Verhalten ähnelt.

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  2. Am Anfang wird gegen Behauptungen argumentiert, die in dieser Form gar nicht aufgestellt werden. Was den ersten Satz betrifft, da sage ich eigentlich dasselbe: Jeder einzelne Poster sitzt an einer der unzähligen Quellen, so kommt es zum Stream (=Fluss), der nicht nur behauptet ist, sondern beim virtuellen Fließen beobachtet werden kann. Ich verweise explizit darauf, dass der ontologische Fluss immer schon geflossen ist – übrigens mit einem Verweis auf den Soziologen Armin Nassehi, für den das Unbehagen sich aus dem Sichtbarwerden dieser grundlegenden modernen Erfahrung speist. Zudem schreibe ich, dass man sein Image „live“ einsehen und verfolgen kann. Verfolgen konnte man es vorher schon, nur eben nicht so direkt. „Bahnbrechende Neuerungen“ werden also gerade nicht behauptet, sondern eher gewisse Verschiebungen, die beschriebene Veränderungen zur Folge haben.
    Das Fehlen eines schlüssigen Argumentes für den ontologischen Fluss zu beklagen, ist eine relativ einfache Übung, wenn das gegebene Argument schlicht ignoriert wird. Zudem können soziologische und philosophische Perspektiven sich ergänzen. Zum eigentlich tragenden Argument: „Da, wer ein Posting präpariert, sich auf diesen Fluss beziehen muss, könnte man von einem „ontologischen Fluss“ sprechen, der auch das eigene Denken durchfließt. Wohl pachtet er dieses nicht gänzlich für sich, dennoch kommt, wer in ihm interagiert, nicht umhin, ihn mitzudenken.“ Wer sich also auf dieses Spiel einlässt – und wer z.B. bei FB postet, kommt nicht umhin, sich darauf einzulassen –, der bezieht sich unvermeidlich auf diesen Fluss, der von unzähligen Postings anderer Posten zum Fließen gebracht wird. Durch die zwangsläufige Bezugnahme sowohl des Postings präparierenden Denkens, wie auch des folgenden Handelns, eben des Postens, geht er beidem in seinen Konsequenzen voran. Durch diese Vorgängigkeit muss er vorausgesetzt werden, weshalb das Grundmuster des ontologischen Gottesbeweises durchschimmert. Hier die Referenz:

    https://www.ingentaconnect.com/content/klos/zphf/2018/00000072/00000001/art00002;jsessionid=9qjbe86uuotpl.x-ic-live-01

    Uwe Jochum spricht von einer kompletten Transformation, in der nur noch immaterielle geistige Gehalte in einem namenlosen Etwas zirkulieren. Im Folgenden stimmen Sie ihm eigentlich eher zu. Ich selbst stimme ihm zu Teilen zu. Wie dem Text zu entnehmen ist, muss der Endzweck zwar theoretisch anvisiert werden, der nach wie vor mögliche individuelle Verstoß aber, hält das ganze „System“ offen. Da es in einem individuellen Verstoß bedingt bleibt, den es aussetzen will, ist es auch nur Teilen richtig, „dass der digitale Space, den diese Riesenspinnen des Cyber Webs der Welt bereitstellen, statistischen Regeln unterliegt und damit gerade nicht dem Individuellen dient“. Freilich ist es gewollt, die Möglichkeit des Individuellen – des individuellen Verstoßes – möglichst auszusetzen, aber genau das beinhaltet, wie auch beschrieben, nie nur eine Kontrolle oder vielleicht sogar ein implizites Verbot, sondern immer auch eine Chance. Kurz: Das Zurückbinden des Individuellen öffnet dem Individuellen auch schon wieder (digitalen) Raum. Insofern würde ich an der individuellen Beschaffenheit des Menschen gerade nicht bzw. nur zu Teilen zweifeln, da sie nachgerade Bedingung dessen ist, was ihr vorgängig kontrollierend entgegensteht und sie gerade deshalb auch schon wieder freisetzt…
    Was den Schluss betrifft, ob das wirklich schon Schizophrenie oder bipolaren Störungen ähnelt? Ich würde es beim Begriff einer notwendigen Ambivalenz belassen, die sich eben darin birgt, dass das von einem Offenbarte etwas anderes von einem außen vor lässt. Darin, um die Brücke zu Obigem zu bauen, liegt denn auch die „ontologische Ungesichertheit“ bzw. die immer gegebene Möglichkeit des Verstoßes. Gerade deshalb stimmt es zwar tendenziell, dass die Masse den Vorrang vor der Klasse hat, aber die Struktur gibt auch der Klasse ihre Möglichkeiten – sie muss halt auch imstande sein, sich als solche zu zeigen/behaupten, aber das war immer schon eines ihrer Probleme… insofern ist auch das alle andere als neu… Was die Archivierung betrifft, verhält es sich ähnlich. Das in Kommunikation auf der Straße, etc. Gesagte verschwindet eher, der genaue Wortlaut geht eventuell verloren, während auch z.B. ein älteres Posting noch hervorgekramt werden kann…

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  3. Hier noch Ergänzendes zum Shitstorm. Im Text steht: „Folglich wäre die digitale Strafe das, was den digitalen Fluss eigentlich fließen lässt, das in ihrer konkreten Wirkung als nachträgliche Strafe nach erfolgtem Verstoß, vor allem aber in ihrer vorwegnehmenden Wirkung in der schieren Angst vor ihr.“ Das ließe sich weiter ausführen. Natürlich ist, wer aus Sicht einer „shitstormenden“ Gruppe, sich in irgendeiner Form falsch verhält, von diesem direkt betroffen. Aber der Platz soll hier genutzt werden, um das implizit Evidente doch noch auszuformulieren: Ein Shitstorm nimmt nie nur unmittelbar von ihm Betroffene in den Fokus, sondern er richtet sich immer auch an seine Zuschauer. Die Bestrafung der betroffenen Person ist immer auch eine exemplarische Bestrafung, die der Abschreckung dient. Der Shitstorm trägt also eine (in aller Regel) unausgesprochene Warnung in sich. Ohne es direkt zu sagen, sagt er: Wenn Du gegen unsere Gebote verstößt, dann blüht Dir etwas Ähnliches, wie dem Opfer, das wir Dir hier vor Augen führen. Das wiederum löst eine vorwegnehmende Angst aus, das, was das vorgeführte Opfer getan hat, gar nicht erst zu versuchen. Im Wissen um die Beobachtung liegt also bereits ein Strafpotential. Derart kann die shitstormende Gruppe Konformität erzwingen – wenn man denn nichts dagegen unternimmt… Die Funktionsweise aufzuzeigen wäre ein erster Schritt…

    Eine weitere Ergänzung zur Position des einzelnen „Shitstormers“: Die digitale Strafe ist zwar an ihre ausführenden Akteure gebunden, wird dabei aber eher vom ontologischen Fluss aus vollzogen. Der einzelne Shitstormer steht exemplarisch dafür. Denn er begibt sich in eine Doppelstellung. Einerseits geht er insofern unter bzw. unterwirft sich den Geboten einer shitstormenden Majorität, als er in die (vermeintliche?) Sicherheit des ontologischen Flusses abtaucht, also den Schutz der Massen sucht; andererseits liegt ein Distinktionspotential darin, sich über die zu bestrafende Person zu stellen. Er wird Teil einer be-/verurteilenden und strafenden Gewalt. Hier gälte es wohl, die Feigheit aufzuzeigen, die darin liegt, sich einerseits sicher einzubetten und sich andererseits dergestalt im Schutz der Masse über jemanden zu erheben.

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