Rodion Raskolnikows Konflikt – Ein Gewissen über der Moral

Das Gewissen lässt sich mit Kant als das Bewusstsein verstehen, das für sich selbst Pflicht ist oder auch als die sich selbst richtende moralische Urteilskraft.[1] Damit ist es insofern von notwendig widersprüchlicher Natur, als es als ein Antagonist seiner selbst in Erscheinung tritt. Wenn es von der Untat abrät, weil es darauf ankommt, sich der Bestimmung der Menschheit würdig zu erweisen,[2] wendet es sich gegen einen Abgrund im Denken, einen bislang nur geistig existenten Verstoß, der diesem potentiell entspringt. Um überhaupt sein zu können, was es ist, braucht es demnach etwas ihm Widerstrebendes, das es im Verstand anklagen kann. Deshalb sind die anklagenden Bezüge von wechselseitiger Natur. Das Gewissen klagt nicht nur die bis dahin nur gedanklich gewollte, aber noch nicht getane böse Tat an, sondern diese Tat klagt auch schon das Gewissen an, das sie zurückbindet.

Welche Konsequenzen der unumgängliche Ambivalenzkonflikt nach sich ziehen kann, zeigt sich an einer Schlüsselstelle in Dostojewski „Verbrechen und Strafe“,[3] die sich gleich am Anfang findet. Rodion Raskolnikow ist ein überdurchschnittlich begabter, aber bitterarmer Jura-Student.[4] Dieses Missverhältnis spiegelt sich in seiner Gedankenwelt wider. Infolge seiner Ausnahmebegabung wähnt er sich mit Rechten ausgestattet, die dem gewöhnlichen Menschen vorenthalten sind. So publiziert er einen Text in einer Literaturzeitschrift, in dem er den höheren Menschen Sonderrechte einräumt, zugleich drückt seine Armut ihn noch unter die von ihm verachteten gewöhnlichen Bürger. In seiner Verachtung – eine geistige Angelegenheit: Hass ist Sache des Herzens, Verachtung des Kopfes[5] – nimmt er eine Umkehr vor, die aus seiner Perspektive eine Richtigstellung ist. Aus ihr leitet er für sich Privilegien ab, die ihn, den Gedrückten, mit einer überlegenen Moral ausstatten, oder: bewaffnen.

Aljona Iwanowna, seine Vermieterin, ist für ihn der Inbegriff eines niederen Menschen, einer „Laus“ in seinen Begrifflichkeiten. Im Verhältnis ihr gegenüber drückt sich die Falschheit der Welt aus: Er, der geniale Jurist, ist der höhere, sie, eine verkommene alte Wucherin, der niedere Mensch. Doch ist der Höhere vom Niederen abhängig. Er steht in ihrer materiellen Schuld, in jener also eines ihm weit unterlegenen Menschen. Unerträglich ist dabei vor allem eines: Wie er die zwiespältigen Kausalitäten in seinem Kopf auch immer dreht und wendet, in der herrschenden Welt der nackten Zahlen und Fakten ist sie der höhere und er der niedrigere Mensch. Der bzw. das Höhere – in ihm bildet sich ein abstraktes Prinzip ab – ist dem Niederen ohnmächtig ausgeliefert. Das entspricht für ihn einem Weltzustand, den es unbedingt zu korrigieren gilt.

„Wie widerlich ist das alles“, durch diesen Gedanken quält sich der tief verschuldete Raskolnikow an besagter Schlüsselstelle, noch auf der Treppe, als er die Wohnung seiner Vermieterin verlassen hat. „Ist es möglich, ist es möglich, dass ich…?“ fragt er sich, um sich gleich darauf zu beschwichtigen: „Nein, Unsinn, das ist absurd“. Er ringt mit sich selbst, ob er wirklich willens und fähig ist, den Mord an seiner Vermieterin zu begehen: „Ist es möglich, auf so etwas Entsetzliches zu verfallen? Wessen ist mein Herz nicht alles fähig! Vor allem: schmutzig, ekelhaft, widerwärtig, widerwärtig!… Und ich, ich habe einen ganzen Monat lang…“ Das Gefühl eines grenzenlosen Überdrusses, das sein Herz schon auf dem Weg zur Alten bis zur Übelkeit bedrückt hat, nimmt jetzt solche Ausmaße an und äußert sich so, dass er nicht weiß, wohin er vor seiner Pein fliehen soll.[6] Er kann gar nichts anders gesehen haben als die Tat, die er später begehen wird. In seinem eigenen Abgrund hat den „Willen zur Tat“ erkannt. In diesem Moment ist er von seinen eigenen Gedanken entblößt worden, weshalb er spätestens jetzt nicht mehr länger vor sich selbst verbergen kann, was zu verbergen, ihm bislang vielleicht gelungen ist. Er hat in „seine Wahrheit“ geblickt. Als sich dieser böse Gedanke seiner bemächtigt, stellt er, der die höhere Moral verkörpert, und sie auch – dem eigenen Gutdünken nach – berechtigt verkörpern darf, mit Abscheu fest, dass er in bestimmter Hinsicht nicht besser ist.

Nun wird eine Schuld sich selbst gegenüber unumgänglich. Raskolnikow, der Höhere, eine der auserwählten Verkörperungen einer höheren Moral, ist auch gemein, gewöhnlich, ja: niedrig. Er weiß spätestens jetzt, wozu er fähig ist, und er wird zumindest ahnen, dass kein Weg mehr daran vorbeiführt. Verschleppen kann er es noch, doch früher oder später wird er das vollziehen, wozu er sich fähig erkannt hat. Das allein lässt ihn vor sich selbst erschrecken. Aber nicht nur dieser Abgrund ist da, sondern auch schon das ihm Widerstrebende. Ansonsten würde das, was er sieht, nicht seinen Selbstekel wecken. Andererseits ist er, als der Höhere, durchaus legitimiert, eigentlich sogar verpflichtet, diesen Mord auszuführen. In seinem Moralsystem ist das nur bedingt oder gar kein Unrecht. Lange nach dem Mord wird er noch daran festhalten, dass er nur eine widerliche bösartige Laus totgeschlagen hat, eine alter Wucherin, die niemand braucht.[7] Vor dem Vollzug der Tat dagegen bilden sich die nunmehr unausweichlich gewordenen Schuldverstrickungen in seinen Gedanken ab. Denn irgendeiner Schuld kann er jetzt nicht mehr entgehen. Eine schneidende Intelligenz, die sich in die profanen Niederungen eines Raubmordes begeben muss – und von sich nunmehr weiß, dass sie über die Fähigkeit zur Ausführung verfügt –, um nicht an einem „falschen Weltsystem“ zu Grunde zu gehen: In einer gewissen Hinsicht verwischt diese Erkenntnis den vermeintlich so grundlegenden Unterschied zwischen ihm und seiner habgierigen Vermieterin. Schließlich kann sich ein profaner Raubmörder schlecht über eine Ausbeuterin stellen. An Intelligenz ist er ihr weit überlegen, nur steckt der überlegene Denker in einer Bredouille, aus der er sich nur befreien kann, indem er dem Antrieb des verachteten niederen Instinkts stattgibt. In anderer Hinsicht bekräftigt das die Differenz, denn dieser korrigierende Mord löscht ein niederes Leben zugunsten eines höheren aus.

Der böse Gedanke geht der Tat nicht nur voran, fortan sieht Raskolnikow durch das Prisma einer nunmehr unumgänglichen Schuld in die Welt. Da er den Mord begehen will und er ihn auch begehen kann, besteht bereits so etwas wie eine geistige Schuld, der er sich anklagt. Deshalb ist es „nur noch“ für die herrschende Moral und für die Justiz relevant, ob er die konkrete Tat begeht – schließlich sind Moral und Justiz dafür bzw. dagegen eingerichtet worden. Für ihn selbst ist es nicht mehr wirklich entscheidend. Auf der anderen Seite lauert nämlich eine noch erdrückendere Schuld: jene sich selbst gegenüber. Den Mord nicht zu begehen, käme einen Betrug dem eigenen, dem höheren und nobleren Anspruch gegenüber gleich, einem Betrug alldem gegenüber, wofür er steht und woran er glaubt. So bleibt nur noch, die geringere Schuld, die dieser „wahren Schuld“ entgegensteht, einzulösen und den Mord auch wirklich zu begehen. Das heißt, sowie sich die Tat als geistige Potenz seiner Gedanken bemächtigt hat, ist sie eigentlich auch schon begangen. Würde er den Mord nicht ausführen, würde er in eine künstlich unterdrückte Realität blicken. Der Blick in seine Realität, die – von ihm aus! – richtige, erfordert den Mord, der schließlich auch begangen wird.[8]

Die Wechselseitigkeit wird offenbar. Hier klagt nicht nur das Gewissen die bis jetzt nur gewollte, aber noch nicht getane Tat an, sondern die Tat, die begangen werden will, auch schon das Gewissen. Doch gilt es, vorsichtig bezüglich dessen zu sein, was das Gewissen anklagt. Wenn es im Gewissen darum geht, sich der Bestimmung der Menschheit würdig zu erweisen, dann klagt es hier gerade nicht die Tötung, sondern die Unterlassung derselben an. Es erfordert einen Mord, der nicht nur eine Laus aus der Welt schaffen würde, sondern weit darüber hinaus als Mord an einer falschen Weltordnung angesehen werden müsste. Der Täter selbst wird sagen, er habe nicht einen Menschen, sondern ein Prinzip ermordet.[9] Das impliziert ein vorgestelltes Recht auf diesen Mord, vielleicht sogar eine Pflicht. In Erkenntnis der falschen Verhältnisse wäre es die wahre Untat, nicht zu morden. Dennoch bleibt etwas, das Selbstekel weckt. Die Abgründe einer längst unumgänglich gewordenen Schuld lauern auf beiden Seiten.

Vom Augenblick dieser Einsicht an lebt Raskolnikow mit einem potentiellen Mörder zusammen.[10] Ihm steht im selben Gedankengut ein Versager am eigenen Anspruch gegenüber. Der geistige Mörder wird ihn fortan überallhin begleiten und ihm nicht eine Sekunde Ruhe mehr gönnen, denn nur im Mord vollzieht sich sein Moralsystem. Für ihn selbst ist es kein so gewichtiger Unterschied mehr, ob er irgendwann auch noch an einen konkreten Mörder gekettet wird. Das Beklemmen ist bereits da und es ist kaum denkbar, dass derart nötigende Gedanken ihn wieder verlassen. Wenn die Schuld vor der Ausführung der Tat so oder so vorgezeichnet ist, dann ist es mit ihr ist auch die Strafe. Die einander widerstrebenden schuldigen Gedanken tragen deshalb auch schon beide eine je unterschiedlich geartete Strafe in sich. Denn natürlich steht ein Mord, auch wenn er seinem Glauben nach gerechtfertigt ist, unter Strafe.[11] Aus just demselben Grund wird er auch bei Nicht-Ausführung des Mordes bestraft. Stünde er vor seinem Anspruch als Versager da, würde er von seinem Gewissen gerichtet!

Sein Gewissen erfordert den Mord als eine Initialzündung einer Korrekturbewegung im Sinne der Menschheit. So sind drei im Spiel: Eine bittere Konfrontation mit dem eigenen Abgrund, der überwunden werden muss, ein Gewissen, das den Mord erfordert und eine aktuell herrschende Moral, die ihn verurteilt. Alle drei sind verinnerlicht, sonst könnte er nicht vorher einem solchen zerreißenden Konflikt ausgesetzt sein. Deshalb ist die Schuld unausweichlich, sowie der Abgrund einmal erkannt worden ist: Eine von einem tiefen und abgründigen Denker fixierte „höhere Bestimmung“ muss sich bereit zeigen, aktuell geltende moralische und rechtliche Systeme zu überwinden. Dabei reißt Raskolnikow ein höheres Recht, das er selbst als solches gesetzt hat, an sich, eines, das ihn zum Morden wider all das legitimiert, was aktuell gilt. In diesem Konflikt zwischen Gewissen und herrschender Moral verschwimmt der Begriff des Verbrechens. Immerhin bedingt das Gewissen hier einen Verstoß gegen das fünfte und wohl wichtigste Gebot, das Tötungsverbot, an dem er sich im eigenen Verstand bereits vergangen hat. Das verdeutlicht, woran er rührt, und wie fürchterlich die Konsequenzen eines Irrtums sein können.

In der Profanität des Mordes offenbart sich, welchen Preis Rodion zu entrichten hat, um seiner Weltsicht Geltung zu geben: Sein höherer Anspruch kann nur in Existenz gebracht werden, indem er sich in die niedrigsten Niederungen begibt. Im notwendig gewordenen „Abtauchen“ liegt die Schuld des Höheren, der sich unfähig weiß, die Distanz zum Niedrigen auf eine wirklich edle Weise herzustellen. Demnach ist es ihm selbst nicht vergönnt, dem Unterschied, den er selbst macht, zu genügen. Das höhere Bewusstsein ist hier eines, das sich gezwungen sieht, in tiefsten Niederungen zu wühlen; es ist gemeiner als gemein.[12] Zugleich speist es sich aus diesen Niederungen,[13] denn es agiert noch nicht, es reagiert nur. Im nötigen Mord muss sich das Höhere unter das Diktat des Niedrigen beugen, sich ihm also unterwerfen. Eigentlich müsste er sich zum Bekenntnis durchdringen, selbst geradeso niedrig oder noch niedriger zu sein, wie jene von ihm verachteten Menschen – wobei sich aus dem vermeintlichen Bekenntnis, noch niedriger zu sein, wieder eine Erhöhung zaubern ließe. Die grausame Tat, die ihn in die niedrigsten Niederungen drückt, muss dazu in höhere Gefilde verlegt und mit einem edlen Ethos versehen werden. So geschieht das fast Unvermeidliche. Er wird Iwanowna und ihre zufällig vorbeikommende Schwester ermorden und ausrauben. Nach dem Mord setzt sich das vorher einsetzende diabolische Wechselspiel von (Selbst-)Rechtfertigung der Tat – er darf, denn er ist der Höhere: das Gewissen! – und einem ihn wiederholt heimsuchenden Schuldbewusstsein fort – als profaner Mörder gebührt ihm, wie jedem anderen Täter auch, Strafe.

Schließlich gesteht Raskolnikow seine Tat. Sein Konflikt quält ihn auch im Gefängnis, doch vereindeutigt er sich. Denn er zeigt durchaus keine Reue, auch diese ist ihm nicht vergönnt.[14] Bezüglich der Tat ist sein Gewissen ruhig, obwohl der Buchstabe des Gesetzes verletzt und Blut vergossen worden ist. Seine wahre Schuld verortet er darin, die Konsequenzen dieses Mordes nicht durchgehalten und sich gestellt zu haben. Als zu schwach hat er sich erwiesen, um auszuharren.[15] Suizid wäre eine Option gewesen, das Einknicken vor der herrschenden Moral ist keine. Schließlich sind die Wohltäter der Menschheit welche, weil sie das durchgehalten haben. Um im Recht zu sein, muss man durchhalten.[16] Die Schuld, für die er sich anklagt, birgt sich darin, die Konsequenzen dessen nicht ausgehalten zu haben, was die Erneuerung der Menschheit erfordert. In deren Etablierung liegt die über-moralische Macht des „wahren“ Gewissens, dem er sich wider die aktuell herrschende Moral folgen sieht. Das ist die höhere Bestimmung, die ihn ruft – nur ist der Ruf sein eigener; im eigenen Ruf wiederum hört er die Menschheit rufen.[17]

Im Gefängnis ist Raskolnikow isoliert, er wird verlacht und als Gottloser ausgestoßen. Darin offenbart sich der zu entrichtende Preis. Der Wohltäter der Menschheit, der seinem Gewissen folgt, muss sich bereit erweisen, vom aktuell herrschenden Gesetzesbuchstaben verurteilt und von der aktuellen Moral verfemt zu werden, er muss den radikalen Ausschluss, die Isolation und die Einsamkeit aushalten… das alles, um der Wohltäter jener zu werden, die ihn dergestalt verurteilen. Sein Schicksal dürfte noch bitterer zu ertragen sein, als jenes der Häftlinge, die einen primitiven Verstoß begangen haben, schließlich wird er als nicht-erkannter Guter von den Bösen isoliert. Sein Eigensinn steht ja im Dienste aller. Nur ist niemand außer ihm selbst imstande, das zu erkennen. Deshalb ist er zwar im Sinne des eigenen Anspruchs schuldig, denn als der Höhere hat nicht durchgehalten, wirklich schuldig aber ist er vor der Menschheit. Er stellt sich für die Menschheit über die Menschen Als die avantgardistische Vorhut, die er dabei ist, kann er von diesen gar nicht erkannt werden. Um sein zu können, was er ist, muss er die aktuell geltende, ihn niederziehende Moral – so schnell wie möglich – überschreiten.[18]  Das bedeutet, dass seine Überschreitung gerade nicht von eigensinniger Natur ist, sondern er im Dienste aller nur scheinbar eigensinnig gehandelt hat, das, um das Niveau insgesamt zu haben. Er steht vor einem Vermittlungsproblem, denn die anderen Menschen können noch nicht erkennen, dass er in ihrem Sinne gehandelt – gemordet! – hat. Vielleicht werden sie das nie können.

Raskolnikow selbst muss die Bedingungen installieren, unter denen es den Menschen möglich ist, ihn als ihren Wohltäter (an-)erkennen zu können. Etabliert er die neue, höhere Moral sukzessive und zieht er dadurch die Menschheit zu sich, dem Höheren, hinauf, dann kann es zu einer Vereinigung kommen: Die menschlichen Geschicke werden von einer höheren Moral geleitet und die geltende Ordnung ist eine dem höheren Menschen angemessene. Bis dahin muss er in seinem isolierten Zustand ausharren; verdammt von jenen, zu deren Gunsten er handelt. Der Preis des Nicht-Verstandenwerden-Könnens[19] muss solange bezahlt werden, bis er von jener Geschichte freigesprochen wird, die er selbst in Gang gesetzt hat. Um den Freispruch jener Zukünftigen willen, die er selbst als solche einberufen hat, muss er die Verurteilung der Jetzigen aushalten. Just daran scheitert er. Deshalb wird er vor jenen Zukünftigen schuldig, die es nicht geben wird. Der Richtspruch wendet sich weniger gegen seinen Mord, als er von einer Zukunft aus erfolgt, die nicht sein wird, was sie sein könnte.

Der Mord an Iwanowna war als Mord an einem Prinzip die erste Bedingung für die In-Gang-Setzung des ersehnten Verbesserungsprozesses. Indem er sich stellt, scheitert Raskolnikow aber schon im Anfangsstadium. Zu feige war er, den ihm abverlangten Preis zahlen, weshalb sich der unerträgliche Ist-Zustand fortsetzen wird. In der Verschmelzung auf höherer Ebene würde der Heiler der Menschheit selbst überflüssig: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.[20] Und der Arzt, der seine Aufgabe beherzt wahrnimmt, arbeitet immer schon und immer nur seinem eigenen Untergang entgegen. Nur kommt es nicht soweit, da er nicht ausgeharrt hat. So ist er schuldig vor sich selbst, weil er dem eigenen Anspruch nicht gewachsen ist und er ist schuldig vor der Menschheit, weil er an der Bestimmung, sie auf ein höheres Niveau zu heben, gescheitert ist. Wer sich selbst an jenem höheren Anspruch misst, der ihm durch sein Gewissen von der Menschheit selbst auferlegt wird, muss den unumgänglichen vorübergehenden Hass der verachteten „Jetzt-Menschen“ aushalten. Weil er diesem nicht standgehalten hat, wird er vom aktuell geltenden niederen Anspruch dafür gerichtet, unfähig gewesen zu sein, ihn zu modifizieren. Zu schwach, die Konsequenzen der dazu nötigen Überschreitung jener primitiven herrschenden Moral auf sich zu nehmen und durchzuhalten, ist er von derselben Moral gefällt worden. So bleibt der isolierte „Mörder im höheren Dienst“ mit sich selbst ebenso unversöhnt wie die Menschheit.

Demnach scheint der Geschichte ein trübes Ende vorbehalten zu sein. Doch hält der Schluss noch einmal eine Wende bereit. Rodions Geliebte Sonja[21] besucht ihn und am Abend greift er zum Neuen Testament.[22] „Aber hier beginnt eine neue Geschichte“, so lässt Dostojewski den Roman enden, „die Geschichte der allmählichen Erneuerung eines Menschen, die Geschichte seine allmählichen Wiedergeburt, des allmählichen Übergangs aus einer Welt in eine andere, der Entdeckung einer neuen, bisher gänzlichen ungekannten Wirklichkeit. Das könnte das Thema der neuen Geschichte werden – aber unsere jetzige Geschichte ist zu Ende.“[23] Am wirklich finalen Punkt zeigt sich dennoch die Möglichkeit des neuen Anfangs. Wird er wiedergeboren, kann er zur Speerspitze einer Erneuerung werden, die die gesamte Menschheit betrifft:[24] Dann wäre die Wiedergeburt, die für eine Wiederentdeckung der Menschen- und Gottesliebe stünde, von einem Mord erwirkt worden, was mit einer zumindest impliziten Legitimierung des Nicht-Legitimierbaren einherginge. Denn die Bedingung der Erneuerung liegt in der Etablierung einer neuen Moral, und diese muss sich aus jeder speisen, aus der der Mord hervorging. Der so hoffnungsvolle Schluss lässt sich durchaus als Rehabilitation des Mordes als der höchste Preis, den die Menschenliebe erfordern kann, lesen. Die Ambivalenz wird hier auf die Spitze getrieben: Am Grunde der ersehnten Menschenliebe bleibt ein nicht auszutilgender Mord stehen.

So bleibt das Ende schwer zu verdauen: Für das übergeordnete Wohl muss man sich nicht nur bereit zeigen, eine gewisse, bisweilen massive Stigmatisierung in Kauf zu nehmen, sondern man muss sich selbst in die niedrigsten Niederungen begeben. Für Nietzsche hat „jeder, der das bestehende Sittengesetz umwarf, bisher zuerst immer als schlechter Mensch gegolten: aber wenn man, wie es vorkam, hinterher es nicht wieder aufzurichten vermochte und sich damit zufrieden gab, so veränderte sich das Prädikat allmählich; – die Geschichte handelt fast nur von diesen schlechten Menschen, welche später gutgesprochen worden sind!“[25] Das bedeutet aber auch, dass der gemeinschaftliche Nutzen vormals aufgrund ihrer einem ersten Schein nach eigenmächtigen Handlungen als böse stigmatisierter Menschen später erkannt werden muss, um sie mit notwendiger Verzögerung freizusprechen – nur: der Freispruch wäre hier einer für einen Mord. Ist ein solcher Nutzen nicht zu erkennen, wird der Freispruch ausbleiben: Der vormalig als böse stigmatisierte Mensch wird auch als böse in die Geschichte eingehen.

Deshalb trägt das sich der herrschenden Moral widersetzende Gewissen auch eine immense Gefahr in sich. Denn was ein Einzelner vor dem selbst einberufenen Gewissensgerichthof als „Bestimmung der Menschheit“ erkennt, das ist deshalb noch nicht zwingend eine solche. Gegebenenfalls folgt ja, wer sich der Bestimmung der Menschheit folgen sieht, auch nur dem, was er dafür hält, was er, indem er entsprechend denkt und handelt, als Bestimmung überhaupt erst festsetzt. So kann es zwar überaus nobel sein, sich selbst zu überwinden und sich für die Menschheit gegen aktuell herrschende Gebote zu wenden – das höchste von ihnen zu brechen! –, aber wer das tut, kann auch in einem grausamen Irrtum befangen sein, der unter Umständen katastrophale Konsequenzen nach sich zieht.

 

[1] Hier sind zwei Definitionen Kants zusammengefasst. I. Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Hamburg 1978: S. 209-210.

[2] H. D. Kittsteiner, Die Entstehung des modernen Gewissens. Frankfurt am Main/Leipzig 1991: S. 14.

[3] Der Verfasser hält sich an die Neuübersetzung von Swetlana Geier. Das Buch ist vormals mit „Schuld und Sühne“ betitelt worden.

[4] Es wird hier um die Zwiespältigkeit von Motiven gehen. Diese ist im Namen grundgelegt: „Raskol“ bedeutet Spaltung. Die Tat, die er begehen wird, ist denn auch von einer Doppelmotivation unterlegt. E. Schmidhäuser, Verbrechen und Strafe. Ein Streifzug durch die Weltliteratur von Sophokles bis Dürrenmatt. München 1996: S. 48.

[5] A. Schopenhauer, Pandectae. Philosophische Notizen aus dem Nachlass. München 2016: S. 252.

[6] F. M. Dostojewskij, Verbrechen und Strafe. Frankfurt am Main 1996: S. 15.

[7] Ebenda: S. 702.

[8] Das wird auch retrospektiv deutlich. Zu Sonja sagt Raskolnikow: „Ich wollte damals in Erfahrung bringen, und zwar so schnell wie möglich, ob ich eine Laus bin wie alle anderen oder ein Mensch! Ob ich imstande bin, eine Grenze zu überschreiten, oder nicht!“ Der Mord ist ein Lackmustest, den es zu bestehen gilt, erst dann kann er berechtigt als höher gelten, erst dann genügt er seinem Anspruch. Morden stellt die vorher nur gedachte Distinktion wirklich her. Die Ambivalenz wird daran deutlich, dass er nur kurze Zeit später bekundet, sich selbst ermordet zu haben, nicht die Alte. Diese ist vom Teufel ermordet worden. Ebenda: S. 567.

[9] Ebenda: S. 371.

[10] Die Formulierung stammt von Hannah Arendt, die mit Berufung auf eine Aussage Sokrates‘ im Gorgias (482c) auf die Bedeutung des „mit-sich-selbst-Übereinstimmens“ hinweist. Das kann nicht, wer mit dem geistigen Mörder zusammenlebt, der er ist. H. Arendt, Sokrates. Apologie der Pluralität. Berlin 2016: S. 59. In Raskolnikows Situation gestaltet es sich komplizierter. Er wird zu einem Mörder an seinen Prinzipien und deshalb zu einem gewissen Maße zu einem Mörder an sich selbst, wenn er nicht mordet.

[11] Die Strafe ist als staatliche Reaktion die angemessene vergeltende Zufügung eines Übels zum Zwecke der allgemeinen Abschreckung. E. Schmidhäuser, Verbrechen und Strafe. Ein Streifzug durch die Weltliteratur von Sophokles bis Dürrenmatt. München 1996: S. 58.

[12] Zwar nur implizit, aber am eindrücklichsten, kommt das am Schluss zum Ausdruck, als Raskolnikow im Rahmen eines Fiebertraums förmlich an der Grausamkeit der Menschen zerbricht. Die Menschen töten einander in sinnloser Wut, sie zerfleischen sich, fallen übereinander her… So stehen alle und alles vor dem Untergang. Die Seuche wütet und greift weiter um sich. Nur wenige Menschen auf der Welt können sich retten; das sind die Reinen und Erwählten, dazu bestimmt, ein neues Menschengeschlechtes und eines neuen Lebens zu gründen, bestimmt, die Erde zu erneuern und zu reinigen; doch hat niemand je diese Menschen gesehen, niemand ihre Worte und Stimmen je gehört. F. M. Dostojewskij, Verbrechen und Strafe. Frankfurt am Main 1996: S. 740. Dem Anspruch nach wäre er einer von diesen wenigen Erwählten, die die Menschen zu neuen Ufern führen, nur ist die Bedingung dazu, selbst in genau diese verachteten Niederungen abzudriften und sich mit denen gemein zu machen, die das Verabscheute dort tun.

[13] Dass Autor Dostojewski selbst das Durchwaten der Niederungen als Bedingung ansieht, aus der der neue verbesserte Mensch hervorgehen kann, wird in einem Brief vom August 1870 deutlich. Er hält dort fest, dass der Mensch ohne Krieg vollständig in Reichtum und Komfort erstarrt, und die Fähigkeit verliert, edel zu denken und zu fühlen; er verroht und verfällt in Barbarei. Ohne Leid, das die Quintessenz, begreift man auch kein Glück. Das Ideal wird durch das Leid geläutert wie das Gold durch das Feuer. Das Himmelreich muss sich der Mensch erkämpfen. Er kündigt dann große Veränderungen an, die sich durch Europa ziehen werden: Wieviel neues Leben wird überall durch diesen mächtigen Stoß hervorgerufen werden! F. M. Dostojewski, Gesammelte Briefe 1833-1881. München 1966: S. 365. Die Bedingung des sowohl höheren Denkens wie auch Handelns ist das jeweils niedere Pendant, ohne dass es seinen Worten nach existenzunfähig ist: Aus dem Niederen geht das Höhere hervor.

[14] In ihrer erneuten Reflexion erscheinen Rodion seine Handlungen gerade nicht so dumm und absurd, wie sie ihm in jener verhängnisvollen Zeit vorher erschienen sind. Das liegt daran, dass es ihm nie genügt hat, zu leben, um zu existieren. Schon früher hat er sich tausendmal bereit gezeigt, seine Existenz für eine Idee, eine Hoffnung, sogar für eine Phantasie hinzugeben. Er hat immer mehr gewollt als die bloße Existenz. Möglicherweise ist es nur die Intensität seiner Wünsche, die ihn dazu verleitet hat, sich damals für einen Menschen zu halten, dem mehr erlaubt ist als anderen. F. M. Dostojewskij, Verbrechen und Strafe. Frankfurt am Main 1996: S. 735. An dieser Stelle zeigt sich wieder, wie das Eine das Andere bedingt: Seine Überlegenheit lässt ihn das Höhere über ihm suchen, ein Höheres, dem er sich unterwirft, in dessen Dienst er sich stellt, für das er notfalls sein Leben gibt.

[15] Dass er das sein würde, wird in der „Zwischenphase“ zwischen Mord und Sich-Stellen deutlich. Raskolnikow oszilliert zwischen Hochmut und Kleinmut. In einer hochmütigen Phase denkt er mit einem an sich selbst adressierten boshaften Lächeln an eine Phase des Kleinmuts zurück, für die er jetzt nur Scham und Verachtung übrig hat. Ebenda: S. 484. Der Hochmut, den er braucht, muss sich gewissermaßen immer wieder neu aus dem ihn niederdrückenden Kleinmut befreien.

[16] Ebenda: S. 736.

[17] Wer hat mich denn zum Richter bestellt, ob jemand leben oder nicht leben soll? Ebenda: S. 552. Er selbst im Namen der Menschheit, für die er handelt – sich handeln sieht.

[18] Die Passage findet sich passenderweise an selber Stelle, an der er verkündet, er habe keinen Menschen, sondern ein Prinzip ermordet.

[19] Die Verurteilung vom aktuell herrschenden Moralsystem dürfte schwerer wiegen als jene vom Buchstaben des Gesetzes, die ihn ins Gefängnis bringt. Im Gespräch mit einem Büroversteher beschreibt Dostojewski, wie Raskolnikow jedwede Meinung über ihn gleichgültig wird. Das wäre im Grunde die beste Voraussetzung für das Durchhalten. Nur ist ihm die konsequente Loslösung daraus nicht möglich, so fällt er immer wieder darauf zurück. Und die Leere ist eine Leere in seinem Herzen, die mit einer Empfindung quälender, grenzenloser Vereinsamung und Entfremdung in seinem Bewusstsein einhergeht. Ebenda: S. 142.

[20] Matthäus 9.12.

[21] Die Erfahrung der Liebe von Sonja hat den aus der menschlichen Gemeinschaft Ausgebrochenen mit den Mitmenschen versöhnt, so Schmidhäuser und das ist durchaus fraglich, denn das ist eher die Bedingung dazu. E. Schmidhäuser, Verbrechen und Strafe. Ein Streifzug durch die Weltliteratur von Sophokles bis Dürrenmatt. München 1996: S. 60. Nur aus dem Niederen kann ja das Höhere hervorgehen: Dostojewski selbst predigt kein Asketentum, sondern die geistige Wiedergeburt des Menschen und der Gesellschaft in der unendlichen, allumfassenden Macht der Liebe, um das Reich der universellen Wahrheit und Gerechtigkeit auf Erden zu gründen. G. Kjetsaa, Dostojewski. Sträfling – Spieler – Dichterfürst. Gernsbach 1986: S. 255.

[22] Nur eine einzige positiv-schöne Gestalt gibt es in der Welt: Christus, diese unendlich schöne Gestalt ist selbstverständlich ein unendliches Wunder, so Dostojewski in einem Brief an S. A. Iwanowa vom Januar 1868. F. M. Dostojewski, Gesammelte Briefe 1833-1881. München 1966: S. 251-252.

[23] F. M. Dostojewskij, Verbrechen und Strafe. Frankfurt am Main 1996: S. 745.

[24] Mit Schuld und Sühne ist nicht normiertes Unrecht gemeint, sondern vor allem die Abwendung vom Mitmenschen und von Gott; und in der Verbüßung der gerichtlichen verhängten Strafe findet Raskolnikow schließlich den Sinn, der ihn befähigt, sich wieder dem Menschen und Gott zuzuwenden. E. Schmidhäuser, Verbrechen und Strafe. Ein Streifzug durch die Weltliteratur von Sophokles bis Dürrenmatt. München 1996: S. 62.

[25] F. Nietzsche, Werke in sechs Bänden. Band II. München/Wien 1980. Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile: A20, S. 1028.

4 Gedanken zu “Rodion Raskolnikows Konflikt – Ein Gewissen über der Moral

  1. Eine tiefschürfende Analyse verschlungener Gedanken, die ihre Grundlage in Moral und Gewissen behaupten, so wie es die Khawarij der Neuzeit tun.
    Und doch wie diese, bei aller Klugheit, begeht sie den Fehler und entdeckt nicht worauf sie fußt, auf Kategorisierungen in Mensch und Unmensch. Die Vermieterin Raskolnikovs ist die Laus, das Ungeziefer, das Übel und bereits mit dieser Wertung nimmt das Schicksal seinen Lauf, ob man es mit Gewissen oder moralischen Überlegungen würzen muß, ist Geschmackssache.

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    1. Hm. Ich tue mich etwas schwer mit dieser Kritik. Wenn ich das richtig verstehe, leitet Raskolnikow das Recht zu morden aus einer – sprachlichen – Kategorisierung heraus ab, aus einer Unterteilung in Mensch und Unmensch? Die Kategorisierung wäre dann vorgängig. Aber wie ist sie ihm möglich? Es muss ja einen Grund für diese geben. Raskolnikows eigenes Wertesystem leitet sich zwangsläufig aus dem herrschenden, von ihm als „falsch“ erkannten, ab, was den beschriebenen Konflikt zwischen Gewissen und herrschender Moral bedingt. Das erst ermöglicht ihm eine solche Kategorisierung, die deshalb eher als Folge denn Ursache anzusehen wäre.

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