Über Kafkas Wahrheit, die aufgrund ihres Erkanntsein-Wollens immer schon Lüge ist

Für Kafka ist „die Wahrheit unteilbar, kann sich also selbst nicht erkennen; wer sie erkennen will, muss Lüge sein.“[1] Ist das nicht unglaublich tragisch? Und ist es nicht auf eine lächerliche, ja eine groteske Weise lapidar? Die grundehrliche Intention desjenigen, der die Wahrheit erkennen will, hat sie durch diesen Denkakt auch schon verhindert. Er selbst steht dem Objekt seines Erkenntniswillens gerade dadurch im Weg! Der Wahrheitswollende selbst, das Denken des Wahrheitswollenden, der Ort also, von dem aus die Wahrheit erkannt werden soll, ist zugleich und deshalb auch schon dafür besorgt, dass die Wahrheit nie wirklich und nie ganz das sein kann, als was sie erkannt werden will. Die Wahrheit kann nur ja nur vom einem ihr Differenten aus – das ihr Denker selbst ist – als Wahrheit erkannt werden und wenn ein Differentes von ihr die Wahrheit erkennen will, kann die Wahrheit auch schon nicht mehr das sein, als was sie erkannt werden will, nämlich Wahrheit. Ihr Denker hat sie anlässlich seines Erkennenwollens als solche aufgehoben!

Nein, eine eigentlich lügnerische Absicht kann dem ehrlich Wahrheitssuchenden dabei nicht unterstellt werden, weshalb es sicher vermessen wäre, zu behaupten, dass sein Denken Lüge im Sinne einer gezielt irreführenden Intention ist. Nur kann sich sein Denken in dem, was es unvermeidlich tut, nicht davon freimachen, dass ihm in der Unmöglichkeit, den differenten Standpunkt aufzuheben, den es dabei einnimmt, zu just jener Lüge zu werden, die notwendig genau das verdunkelt, um was es sich bemüht; zu jener Lüge also, die jedes Denken eigentlich und allein qua Existenz immer schon ist… Das tatsächlich Bedrohliche entfaltet der Gedanke ja auch erst dann, wenn bedacht wird, was der Denker, der die Wahrheit wirklich will, im Dienste seiner eigenen Mission tun muss, wenn er sie denn konsequent ausführen, also zu Ende führen will…

[1] F. Kafka, (Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg). In: Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlass. Frankfurt am Main 1986: S. 36.

Ein Gedanke zu “Über Kafkas Wahrheit, die aufgrund ihres Erkanntsein-Wollens immer schon Lüge ist

  1. Angefügt sei hier noch eine kleine Diskussion auf Facebook. Stattgefunden hat sie am 3. Juni 2019, also am 95. Todestag von Franz Kafka.

    Tillmann Reik: In gewisser Weise stellt Kafkas Satz ja vor die selben Probleme, die im Grunde sämtliche Aussagen über Wahrheit und Lüge seit dem Paradox des Epimenies betreffen, selbst wenn hier die Lügenhaftigkeit der eigenen Aussage über Wahrheit explizit nicht behauptet wird. (Meint: Kafka sagt nicht: „Ich lüge gerade“. Aber er muss es doch mitmeinen.)
    Biegt man den analytischen Befund des Satzes — dessen Schicht an manifester Deklaration über Wahrheit, Behauptungen, auf welche man ihn zunächst zu reduzieren geneigt sein wird — auf ihn selbst zurück, gibt er in dieser Autoapplikation, durch den offenbaren formallogischen Widerspruch, der dann erzeugt wird, eine multiple splitternde Spaltung seiner selbst preis und dessen, wovon er spricht; setzt diese gleichsam künstlerisch in Szene wie eine Installation und „zeigt“ damit etwas, was nicht im semantischen Bereich eingedeutet werden kann. Er widerlegt sich und bestätigt sich zugleich. (Und mag man das auch als ein Problem sehen, was sich vermeiden lässt, indem in verschiedene Hinsichten oder typentheoretisch unterteilt wird, — in dieser Hinsicht widerlegt er sich, in einer anderen bestätigt er sich — so bleiben es doch immerhin zwei verschiedene Hinsichten ein und dasselben und ein letzter Widerspruch zeigt die Zunge: wie kann nicht nurVerschiedenes, sondern gar sich widersprechendes Ein-und-dasselbe sein? Der Satz widerlegt sich gerade, indem er sich bestätigt, so wie er sich bestätigt, indem er sich widerlegt.
    Wahrheit ist nämlich, folgt man der Diagnose, unvermeidlich immer schon nur erlogene (Heinz von Förster „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“), geteilte und, kann man vielleicht mit Lacan sagen, nur die halbe und somit vielleicht gar keine. Und Kafkas Satz selbst wäre nur möglich als Lüge. Was den Satz einerseits gerade beglaubigt, andererseits widerlegt (eine solche Ambiguität sucht die Rede vom confirmation bias immer heim: es bestätigt sich etwas, schon klar, aber bestätigt sich nicht auch immer die Unbestätigbarkeit. Es gibt somit, mindestens, zwei Bestätigungszirkel zugleich, die in entgegengesetzte Richtungen laufen. Da sich auch der Diagnostiker in seiner Vermutung der Bestätigung stets bestätigt sieht und übersieht, inwiefern ihn ein ständiges selbst Bestätigtwerdenmüssen widerlegt, deutlich mehr). Oder immerhin nahelegt, dass nicht viel auf ihn zu geben sein könnte; er ist eine weitere Lüge über Wahrheit unter anderen, mit der für alle bestimmenden Prätention, die Entscheidende zu sein.
    Auf der anderen Seite (aber sind es nur zwei und nicht jetzt bereits mindestens vier?) setzt der Satz aber eine Voraussetzung wie ein Axiom als jenes, was man nicht setzen kann, gleichsam unter der Hand, *mit*, und stellt es aus. Das Axiom als die Voraussetzung, die zwar gesetzt werden kann (so wie jeder Satz, deshalb heisst er so, auch setzt), aber dann nur als das, was man nicht setzen kann, ist sowas wie ein transzendentales Un-: einer Unteilbarkeit, über die sonst zunächst nichts gesagt wird als dass sie sich, weil ihr die Distanznahme von sich selbst nicht möglich oder nötig ist, selbst nicht erkennen kann (also gewissermaßen in einer „Dummheit“ liegt, die neutral ist und (noch) nicht Defizit.) Er macht in und durch die Splittereffekte seinerselbst aufmerksam auf eine Letztbegründung, die nicht in der konsistenten Syntheseleistung steter reflexiver Wiederaneignung eines erkennenden Logos und seiner (dialektischen) Logik liegen kann, nicht mal im Versprechen dieser Konsistenz, sondern im sicheren Brechen solcher Versprechen durch ein gewisses Abblitzenlassen, eine Flucht oder einen Entzug. Der Logos wäre mit der Lüge bereits kontaminiert, wenn nicht mit ihr identisch. Lüg ich? na logisch!
    Was ist das aber für eine Unteilbarkeit, die sich immerhin in verstellenden Lügen, die eine Teilung vornehmen, mitteilt, wenn auch nur als solche, die sich als solche zugleich nicht mitteilt und den in Schlußfolgerungen Denkenden in Dienst nimmt, um sich zu verbergen oder gerade als Verbergung zu zeigen, inszenieren und präsentieren? Sie kann ja nicht schlechterdings nur völlig transzendent, noch einer selbstgenügsamen Immanenz als ihrerseits homogene Abgeschlossenheit gänzlich heterogen sein? Sondern, sie spricht scheinbar im Sprechen *über* sie, *mit*, als eine gleichermaßen ermöglichende wie abweisende De-Determination, die vom Standpunkt integraler Verrechnung und urteilender Zurechnung den Charakter einer permanenten Kastration haben muss, die andererseits sehr fruchtbar macht und alles überhaupt anstösst. Ich würde sagen, es ist die Unteilbarkeit des Teilens, der Selbstdifferenz, die sich als solche nicht erfassen kann, weil sie sich mit jedem derartigen Versuch, der sie setzt, auch entkommt. Und im allerweitesten aber auch konkretesten Sinne kann man sagen, diese besagte, so verstandene Wahrheit sei das Sprechen und/oder Schreiben (wenn man will: die differantielle écriture) *selbst*, vor allem besonderen Inhalt ihrer richtenden Urteile und folgernden Schlüsse. Die Bewegung, die also das Denken (verstanden als Urteilen) trägt, trägt als grundlose Haltlosigkeit und anfängliche Abweichung. Insofern hat dann Kafka doch wieder genau das Richtige getan, nämlich eben diese Bewegung so exakt wie möglich zu vollziehen.

    Tillmann Reik: Mir kommt es halt so vor, als wäre es mittlerweile nötig, einen gewissen Vorbehalt zu kultivieren gegenüber derjenigen Lesart Kafkas, die schon durch den von Max Brod für die Herausgabe seiner Aphorismen gewählten Titel „Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg“ für lange Zeit vorgeprägt wurde. Eine (negativ) theologische Interpretation, die durchweg sehr katholisch wirkt, aber auch heidnisch, also griechisch-tragisch in ihrer Inszenierung der Verstrickungen eines Schuld und Sühne Kosmos. Mir scheint als würde damit die spezifisch „jüdische“ (und meinetwegen auch hiobsche) Dimension des dort verhandelten „Gesetzes“ und eines Kafka, der nach Bekunden seiner Freunde beim Verlesen seiner Texte Tränen gelacht hat, leicht verfehlt. Es geht sicher um eben diese Rechtsförmigkeit, welche von den bekannten Titeln suggiert wird „Das Urteil, Der Prozess“, das Verhältnis zum Vater usw. und es geht um die Verteidigung gegen diese vorgängigen Anklage (die mit dem Denken als „kategorein“, also beschuldigen und dem basalen Zeihen der Zeichen — jedes Zeichen, das auf etwas anderes zeigt und von sich weg, „beschuldigt“ gewissermaßen), welche aber durchweg den Charakter der „Verleumdung“ hat.
    „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“
    Es ist eine fälschliche Schuldigsprechung, die selber ein Straftatbestand wäre (und Agamben schließt ja aus dem griechischen Wort für die Verleumdung, kalumnia, dass Josef K. selbst diese Verleumdung ist, dass es um eine Selbst-Verleumdung geht.), wenn es denn überhaupt erst einmal dazu käme, dass erfahrbar wäre worin denn die Schuld läge.
    Insofern scheint mir die Distanznahme zur Schuld darin zu liegen, dass ihr ein halb lächelnder, halb verzweifelter Unglaube an ihre Behauptung einhergeht, der in ihr nichts als eine Fiktion sieht, eine bis zum Ende nicht zu beweisende Unterstellung und Hypothese.
    Und gerade nicht nur die Selbstbezichtigung des Zeihens, die Selbstbeschuldigung des Beschuldigens (die weiter sich schuldig machte), sondern die „Einsicht“, dass diese getragen sind von einer ganz anderen Bewegung, die das Schuldigssprechen überhaupt zulässt: so etwas wie (so unkitschig wie möglich verstanden) Verzeihung. Also eine Bewegung, durch die sich das Zeihen (und Bezichtigen), permanent ruiniert und nur damit überhaupt ermöglicht, die aber selbst nicht einfach ein weiteres Zeihen wäre.
    Hach, besser kann ich´s im Moment nicht sagen. Man müsste das dann natürlich auch (für unsere Freunde von der Sittenaufsicht) an Beispielen belegen.

    Manuel Guentert: „…getragen sind von einer ganz anderen Bewegung, die das Schuldigsein überhaupt zulässt: so etwas wie (so unkitschig wie möglich verstanden) Verzeihung…“ Josef K wie Kalumnia ist, im obigen Sinne, ein Verleumder der Wahrheit und deshalb schuldig… insofern MUSS seine Schuld an der Wahrheit doch immer schon getragen sein von der Verzeihung, sonst könnte die Schuld selbst nicht als solche erfassen. Ohne immer schon anwesend seiende Verzeihung wäre die Schuld ausgesetzt, ergo: kein Prozess mehr… in gewisser Weise wiederholt sich das Spiel mit der Wahrheit, an der sich ihr Verleumder schon qua Dasein vergriffen hat: Das Verzeihen vergreift sich an der Schuld, die sie ermöglicht.

    Tillmann Reik: Ja, aber dadurch scheint die Wahrheit in einer bifurkativen Spaltform auf: (Un)wahrheit. Und die Schuld als so etwas wie (Un)schuld. Und das Un- ist dabei die unlokalisierbare Mitte, die das eine wie das andere von sich selbst trennt, aufschiebt und im Suspens hält. Dadurch scheint Unentscheidbarkeit auf und Aufschub. Es ist noch lange nicht entschieden, ob es Schuld gibt, und wer sie hat, wenn Verdacht und Anklage als Verleumdung auch im Raum stehen. Wenn es aber Schuld gäbe und sie so universell wäre, dass sie für alle gilt und alle in sich verstrickt, jeder an jedem und allem, wenn auch noch so unscheinbar, schuld wäre, dann hebt sie sich auf, dann ist keiner mehr an nichts Schuld und alles ist verziehen. Das ist der Prozess. Der dennoch tödllich, mit der Hinrichtung ausgeht. Denn, dass auch der Aufschub des Urteils langsam in die Hinrichtung übergeht, ist so sehr die Katastrophe, wie die Komödie, die Ironie der Angelegenheit. Es ist wieder nicht ausgemacht, was das zu bedeuten hat, wenn der Selbstverleumder stirbt (sich doch irgendwie auch suizidiert) und damit die Selbstverleumdung selbst sich tilgt.
    Da sich Kafka nach allen Richtungen gegen eine Deutung seiner selbst und seines Werks abgesichert hat und dadurch vermutlich am ehesten Advokat weder irgendeiner Partei noch deren Antithese, sondern der Uneindeutbarkeit und Unschlüssigkeit gewesen wäre, tut man sich und ihm vermutlich auch keinen allzu großen Gefallen, wenn man versucht eine grundsätzliche Ambiguität aufzulösen…
    Ich würde also sagen, es ist noch nicht mal so sehr in Einsicht in die Schuldverstrickung als die Konfrontation mit dieser Ambiguität, die nottut.

    Manuel Guentert: Doch, wenn Verdacht und Anklage als Verleumdung im Raum stehen, ist definitiv erwiesen, dass es Schuld gibt. Spätestens jetzt kann es sie nicht mehr nicht geben. Wer sie hat, das kann noch offen sein, aber wenn es dem Verleumdeten, der bis jetzt für schuldig gehalten wird, gelingt, seine Unschuld nachzuweisen, dann wird der Verleumder zwangsläufig schuldig sein. Irgendeine Verleumdung wird gewesen sein und mit ihr Schuld. Ich würde aber davon ausgehen, dass der Verleumdete sich bereits in irgendeiner Weise in die Schuld verstrickt hat und er sich im Prozess weiter verschuldigt. Naja, die Schuld oder die universelle Schuld (im Konjunktiv), wird doch nicht zur Bedingung ihrer vollständigen Aufhebung und dem alles-Verzeihen? Der Prozess spielt sich ja in Nuancen ab. Er selbst ist ja schon das ewige Dazwischen zwischen immer schon und doch noch nicht schuldig, also der Zustand der Unentscheidbarkeit. Und eben: Das Erschrecken liegt ja im Erkennen. Das muss erstmal geleistet werden.

    Kafka hat sich gerade nicht nach ALLEN Richtungen gegen eine Deutung seiner selbst und seines Werkes abgesichert, denn hätte er das getan, dann wäre es uns nicht möglich zu tun, was wir jetzt tun… Ich würde meinen, als „Anti-Denker des Letztgrundes“ müsste ihm das bewusst gewesen sein. Wäre ihm das gelungen, könntest Du nicht schreiben, was Du schreibst. Was sich der Deutung versperrt, bleibt halt: eine Deutung. Im übrigen wäre der (überaus verständliche) Wille, sich der Gewalt der Interpretation KOMPLETT zu entziehen, seinerseits ein gewalttätiger Abschluss. Das wäre ja das (andere) Ende der Ambiguität und damit ihr Tod. Ansonsten ja, ein Anwalt des Dazwischens, des Oszillierens… aber das müssen wir halt auch feststellen, insofern…

    Tillmann Reik: Du hast recht, ich hätte es so sagen sollen, und bekam es von hier wohl auch souffliert:
    „ginge nur das Verfahren nicht allmählich ins Urteil über: das ist in der Tat die Katastrophe, die in Kafkas Werk seiner epischen Tendenz droht, daß sie in eine Parabel oder Lehrerzählung übergeht, daß der Aufschub der Entscheidung seinerseits eine Entscheidung, die Aussetzung des Urteils selbst ein Urteil ist und auf eine allmähhliche Enthauptung der Scheherazade hinausläuft. Diese Katastrophe im Aufschub der Katastrophe trifft aber auch die Auslegung der Kafkaschen
    Schriften. Sie sind gemacht, ihre Deutung zu vereiteln. Knflen verfügte über eine seltene Kraft, sich Gleichnixse zu schaffen. Trotzdem erschöpft er sich in dem, was deutbar ist, niemals, hat vielmehr alle erdenklichen Vorkehrungen gegen die Auslegung
    seiner Texte getroffen. (BüK zz) Nach der Logik des epischen Verfahrens, das allmählich in die Parabel übergeht, ist die Hintcrtreibung der Interpretation selber schon ihr Übergang in die Interpretation, die verhinderte Deutung selbst eine Deutung, ein Urteil und weiterhin die langsame Exekution des Textes. Auch
    der Aufschub der Auslegung legt aus. Das gilt, mit gleichem Recht — nach gleichem Unrecht —, für die Frage nach Kafka, nach seiner Identität und seinem Namen.
    Benjamin notiert: “War aber war nun Kafka? Er hat alles getan, um der Antwort auf diese Frage den Weg zu verlegen. (BüK 40; cf. tz 1) Diese Verlegung, so könnte man fortfahren, ist Kafkas Hoffnung — ginge sie nur nicht allmählich in die Auslegung über. Freilich in eine andere, in eine nämlich, die in ihrer Verzögerung die Chance für etwas anderes als Auslegung gewahrt hat. Man hat sich klarzumachen, daß für Kafka, wie Benjamin ihn las, der Leser zu den Gehilfen des Gerichtsgehörte und den Angeklagten durch die Deutung seiner Schriften zu überführen, dem Gericht zu überantworten, das Urteil über ihn zu sprechen und es zu vollstrecken hatte. Die Vorkehrungen, die Kafka gegen die Deutung seiner Schriften und gegen die Antwort auf die Frage, wer er sei, getroffen hat, sind Vorkehrungen gegen einen Leser, der als Polizist, Richter und Henker operiert. Zu diesen Vorkehrungen gehört außer der Verschleppung des Verfahrens durch die Erschwerung der Rekognitiun (cf. BüK 40) auch die Bestechung. Denn Korruption ist das einzig Hoffnungsvolle (BüK 31; cf. zur Gerechtigkeit als Korruption: BüK 125;
    Korruption das Sinnbild der Gnade: BüK 14 l ): nur die korrumpierte Lektüre wäre eine gerechte: eine solche, die in eine Welt ohne Prozeß, Urteil und Exekution blickt.“ (Hamacher. Die Geste im Namen. in: Entferntes Verstehen, S.285-286)

    Manuel Guentert: Ich glaube, hier geht zu zudem – eigentlich vor allem – um Schuld und zwar eine ganz fiese Form der Schuld. Das Denken, das etwas (vermeintlich?) ganz „Natürliches“ tut, sich eben um die Wahrheit bemühen, erkennt, dass es gerade dadurch seinem Gegenstand schon in einem Schuldverhältnis gegenübersteht. Es ist ja schuldig am „Nichtzustandekommen“ der Wahrheit – es sieht das und klagt sich zurecht als die Lüge an, die es jetzt ist. Eigentlich erkennt Kafka diese Schuld aber auch nur. Folgt man ihn, hat sich jedes Denken aufgrund seiner Existenz allein ommer schon der Wahrheit gegenüber verschuldigt. Ein jedes Denken ist, wenn man so will, potentiell schuldig und müsste „nur“ noch erkennen, dass es das ist. Glücklich in diesem Sinne, wer das nicht tut…

    Pietro Sanguineti: Wär der Begriff der „Schuld“ aber nicht als relativ zu verstehen, und würde die Schuld nicht dort abnehmen wo sich das Denken, die Rede, um die Unversehrtheit einer Integrität bemüht, die es, die sie, verfehlt?
    So plappernd dahin gefragt.

    Manuel Guentert: Das Denken müsste für seine Schuld büßen, indem es sich möglichst die unmögliche Integrität jenes „Gegenstandes“ bemüht, dem gegenüber es sich verschuldigt hat, also der Wahrheit.

    Pietro Sanguineti: Wäre die Voraussetzung für diese Bußfertigkeit Demut?

    Manuel Guentert: Zunächst bin ich mir über die Kausalität uneins. Ich würde meinen, die Demut ist eher eine Folge der Notwendigkeit der Buße, sobald das Denken das Schuldverhältnis erkannt hat, in das es sich verstrickt. Dann aber werden die Verweisungszusammenhänge wechselseitig.

    Manuel Guentert: Dann glaube ich, dass Demut eher so was wie eine Notlösung wäre. Die Lösung wäre wohl ein unmögliches Sich-selbst-Aussetzen des Denkens, das gewissermaßen nicht tut, was es tut.

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