Über Scheingefechte

 

 

Zunächst einmal ist das natürlich ein absolut brillantes
Video. Was zeigt es uns denn? Im Stinkefinger zeigt sich ein Wille, ein Gegenüber, einen Gegner zu übertrumpfen, der es einem genau gleich tun will. Es ist dies somit ein Wille, von dem zumindest anzunehmen ist, er könne gegebenenfalls auch zerstörerisch wirken. Wobei man das nicht genau weiß, weil es bei der bloßen Demonstration seiner bleibt. Denn keiner der beiden schaltet je zum Angriff um. Über die Signalisierung kommt das alles nicht hinaus. Insofern wohnt diesem gegenseitigen Überbietungswillen jeweils ein Versprechen inne, das sich gerade nicht einlöst. Die versprechende Überbietungsgeste wird zwar permanent wiederholt, das, um einen Sieg zu behaupten, der sich allein deshalb nicht behaupten lässt, weil es nie zum Vollzug derjenigen Tat kommt – das müsste dann wohl das Zuschlagen sein –, die nötig wäre, diesen nur behaupteten Sieg als solchen zu „verifizieren“. Insofern handelt es sich von Anfang an um ein Scheingefecht, das eigentlich für keinen der Beiden zu gewinnen ist, das aber offenkundig dennoch um jeden Preis gewonnen werden will. Das Versprechen zum Siegen muss also gegeben werden, obschon es zu dem Zeitpunkt, zu dem es gegeben wird, als solches eigentlich schon aufgehoben ist. Gerade weil es sich nicht einlöst, muss es permanent erneuert und wieder abgegeben werden. Dieser Wille, der sich hier artikuliert, sucht Anerkennung für etwas, für das er eigentlich keine beanspruchen darf, weil ja unklar bleibt, ob das, wofür sie eingefordert wird, überhaupt als solches „vorhanden“ ist. Die Anerkennung wird gewissermaßen im Als-ob-Modus gesucht: „Ich könnte dich verprügeln und Du – und wohl auch und vielleicht sogar vor allem das Publikum, das uns jetzt zusieht – hast das zur Kenntnis zu nehmen. Vor allem aber solltest Du nicht glauben, Du könntest mich verprügeln.“ Da beide so denken und die immer wieder neu gegebenen Versprechen von ihnen beiden sich gleichfalls immer wieder vor der Einlösung abbrechen, bzw. sich schon abgebrochen haben, sind die beiden Kontrahenten im ewig uneingelösten Versprechen ihrer Aggressivität geschützt voreinander. Sie sind also tatsächlich von Anfang an voreinander sicher. Die hier gezeigte Situation ist in diesem Sinne äußerst stabil. Hier droht keine Eskalation, hier herrscht – Friede. Destabilisierend wirken würde ein Versprechen, das tatsächlich gewillt ist, sich einzulösen, eines, das damit über die so etablierte Ordnung hinausginge, eines, das sie überschreiten würde… Aber dafür haben wir ja das Recht, das vielleicht gar nicht so viel mehr tut, als genau diese Konstellation auf Dauer zu stellen, also dafür zu sorgen, dass solche Versprechen sich immer und immer wieder vor der Einlösung abbrechen…

 

Diskussion:

Eine Anmerkung zunächst. Den obigen Text habe ich am 15. Dezember 2018 als Kommentar zu dem verlinkten Video auf Facebook gepostet. Da er eine kleine Diskussion im kleinen Kreis ausgelöst hat, schien es mir sinnvoll, sie hier beizufügen.

Pietro Sanguineti Interessant auch, wenn sich das Video rückwärts vorzustellen, oder als hin und her Loop.

Manuel Guentert Wichtig bei diesem Video ist ja vor allem, dass es nicht um dieses Video geht, sondern es in einer sicher zugespitzten Form etwas aufzeigt, was sich permanent überall beobachten lässt.

Pietro Sanguineti Das gilt allerdings für beide Richtungen vor und zurûck.
Bewegen sich, wie hier, die Akteure auseinander oder aufeinander zu verändert sich die Beeeutung, insbesondere der Stelle des jetzigen Videobeginns.

Tillmann Reik Wenn aber der digitus impudicus Verwendung findet, als apotropäische Geste der selbstbewahrenden Distanznahme also nicht der Finger der Moral, der Zeige oder Indexfinger erigiert wird (und hinaufweist in den Ideenhimmel des comme il faut, zu dessen Sprecher und Repräsentanten sich der Zeigefingerzeiger dadurch selbst einsetzt), sondern jener, der eine Beschmutzung (des Anderen durch mich oder meinerselbst durch den Anderen) ausdrücken soll, besteht die vulgäre Drohung doch eigentllich darin, ostentativ zur Schau zu stellen, dass dem Anderen jene Achtung und Anerkennung, von der er, wie ich meine, meinen könnte, dass ich sie ihm schuldig sei, verweigert wird: „Beobachte und nimm es zur Kenntnis: Ich achte dich nicht, erkenne dich nicht an und du bist mir gleichgültig.“ Die Drohung, die vom Anderen ausgeht liegt zum einen genau darin, dass er meine Anerkennungsaberkennung nicht anerkennt, sich weiterhin in der Illusion wähnt, er käme in meiner Welt überhaupt vor (wozu er, gerade durch meine Bezugnahme auf ihn auch allen Grund hat.) Und andererseits darin, dass er mein Manöver aneignen, selbst anwenden und auf mich selbst zurückwenden können wird: ich hab ihm die Mittel selbst in die Hand gegeben. Schon im Moment, da er meine Anerkennungsaberkennung potentiell nicht anerkennt (wenn auch nur, weil er sie nicht begreift und in ihrer Paradoxie nicht begreifen kann: denn wie sollte er mir nichts bedeuten, wo ich ihm doch — dies signalisierend — unablässig auf ihn Bezug nehme und monomanisch auf ihn fixiert bin.) wendet sich die Geste gegen mich selbst: entfesselt eine Art auto-immunitären Backlash. In diesem Sinne ist die exakte Spiegelung, der kopierende Aufgriff meines Verhaltens durch den Anderen und die Stabilisierung, die ein ansonsten für mich selbstvernichtendes in diesem doppel assymetrischen (und durch diese Reziprozität symmetrierten) Spiel erfährt für mich wie für den anderen ein Segen, obwohl sie sich zunächst als eine der möglichen schlimmen Drohungen erwiesen hatte. Wir erweisen uns dadurch, dass wir uns gegenseitig unsere Geringschätzung demonstrieren unsere Reverenz. Die Geste wird Gruß unter Ebenbürtigen.
Pietro Sanguineti In einem alternativen Szenario, würden die beiden Akteure nicht auseinander gehen, sondern wie am Anfang des Videos beieinanderstehen und ad infintum sich die Anerkennungsaberkennungsgeste zeigen.
Würde die Geste in unendlicher Wiederholung ihre Sinnhaftigkeit verlieren, dann würde daraus folgen, dass also jedes Zeichen ein anderes Zeichen braucht um sich in seiner Sinnhaftigkeit zu bestätigen?
Im Video folgt dem „fuck you“ ja ein Auseinandergehen der Opponenten, welches dem Video seinen eigentlichen Sinn gibt, oder?
Eine andere Option wäre ja, dass dem „fuck you“ Fausthiebe, Tritte, etc folgen, dass also die Hierarchie unter den Opponenten, in folge der Anerkennungsaberkennung ausgehandelt würde, um die Anerkennung – zumindest er HIerarchie – herzustellen.
Tillmann Reik Ja, im Video ist ja schon zu erkennen, dass das ganze eine gewisse selbstverstärkende Dynamik durchaus besitzt. Aber die drückt sich dadurch aus, dass die Intensität der Gleichgültigkeit gegenüber dem Anderen eine immer größere Distanz für sich markieren möchte. Der autodynamische Zuwachs eskaliert auf einen Punkt der absoluten Ablösung hin. Bis zum Punkt also, wo der eine für den anderen am Horizont verschwindet (sehr ähnlich ja beim Winken von zweien, die voneinander Abschied nehmen, und den Ehrgeiz haben, so lange einander die Abschiedsgeste zu zeigen, bis sie für einander nicht mehr wahrzunehmen sind.), und möglichst auch idealiter in der jeweiligen Gedankenwelt keine Rolle mehr spielt (aus den Augen, aus dem Sinn). Was wäre, wenn die Möglichkeit der Ausdehnung des Spielraums durch beengte Verhältnisse nicht gegeben wäre? Es käme vermutlich zu einer anderen Eskalation, die nicht, wie hier, im Sich-Verlieren der Möglichkeiten von Bezugnahme liegen kann, weil das Spiel in der Kräftebilanz den Fliehkräften den Sieg überlässt. Also wenn ich gesagt habe, das Spiel stabilisiert sich, müsste man wohl ergänzen, es stabilisiert sich als ein sich selbst auflösendes Spiel. Wie würde es sich in anderen Kontexten auflösen können?
Pietro Sanguineti Vielleicht stellt sich hier ja die Frage nach einer Definition von Hierarchie und ihrer Funktion?
Dass also ein völliges Fehlen von Hierarchie absolut betrachtet ein Schweigen sein müsste, ein Stillstand, eine absolute Synchronizität, die radikale Abwesenheit von Differenz?
Das würde bedeuten, dass das Hervorbringen von Sinn, von Bedeutung immer schon ein Machtvollzug wäre, eine Setzung von Hierarchie?
Tillmann Reik So war´s ja in dem Hundevideo, im Moment, da das trennende Gatter sich entzogen hat, oder?
Pietro Sanguineti Ja, Tillmann, Dein großartiges Hundevideo fiel mir auch gleich als erstes ein als Analogie. Die Unlust ein Hierarchieverhältnis auszuhandeln, die gibt es ja auch. Das Hundevideo hat mich auch deshalb so fasziniert, weil Hunde ja – sofern wir Menschen wissen – nicht eine Sprach haben, über die sie das reflektieren können, aber trotzdem die Möglichkeit sich unterschiedlich zu entscheiden.
Ich liebe es Tiere zu beobachten, ich wüsste soooo gern, wie sich solche kognitiven Prozesse in Tieren vollziehen.
Tillmann Reik Was sich da einstellte, war aber etwas seltsam anderes als Friedfertigkeit: es war Verlegenheit, Ratlosigkeit, Verlorenheit. Die Kohäsion nicht nur der beiden Gruppen hat sich aufgelöst, sondern jeder einzelene Hund, schien nicht mehr so recht zu wissen, ob er Herr im eigenen Haus seiner Bestrebungen ist. („Mein“ Video war das gar nicht, Fabian Steinhauer hatte das damals gepostet!)
Manuel Guentert das hierarchische Verhältnis ist konstitutiv für sein Nicht-Aushandeln, zumindest sein nicht zu Ende aushandeln, irgendwie so… also ja.
Pietro Sanguineti Ich habe den Abbruch des Anbäffens (bei den Hunden im Video) als Unlust interpretiert, also die Unlust Energie aufzuwenden, um ein Hierarchieverhältnis auszuhandeln und habe mich gefragt, ob bei den Hunden da ein Zweckdenken, also ein Verstand, ursächlich sein könnte.
Nach dem Motto: och nö, jetzt zu fighten, bringt eher weniger, das „lohnt“ die Mühe nicht, so in die Richtung
Manuel Guentert ich habe auch das als Versprechen interpretiert, das genau dann gegeben wird, solange man vor seiner Einlösung durch das Gatter geschützt ist, das sich aber genau dann versagt, wenn es sich eigentlich einlösen müsste
Pietro Sanguineti Aber das Versprechen der Aberkennung der Anerkennung (einer Hierarchie) versagt nur, in der Versagung der Aushandlung einer Hierarchie, für die es ja auch dann immer eine Funktion gibt, zb einen Territoriumsanspruch aufrecht zu erhalten, oder zu schützen.
Darin sehe ich die Analogie zu dem großartigen Hunde / Gatter Video: Die Verhältnisse werden anerkannt.
Das Gatter selbst wird dabei zum Garant des Versprechens die Anerkennung abzuerkennen, das für sich gar keinen Grund hat. Daher die „Ratlosigkeit“ bei den Hunden.
Tillmann Reik Ob nicht zuviele Ordnungskoordinationen auf einmal weggefallen sind, um ein einfaches Aushanden noch zu gestatten? Die Komplexität dieser Desorientierung ging für die Hunde gefährlich in Richtung Entropie, hatte ich den Eindruck…Also Unlust ja, aber durch Aussetzen der Koordinationen einer teleologischen Begehrensstruktur. Durch Aussetzen fast schon der Möglichkeit der Unterscheidung von Lust und Unlust?
Manuel Guentert Unbedingt. Es ist von Anfang an Aushandlung einer Hierarchieund diese bleibt konstutiv für ihr eigenes Versagen. Sie schrecken vor den letzten Konsequenzen zurück, in diesem Sinne waren sie immer schon voreinander geschützt. Aber gerade das kann auch dazu führen, dass es abseits des Videos weitergeht, weil einer es vor dem Anderen nicht erträgt, dass er so vorgeführt worden ist, was in Revanchismus münden kann. Ergo: sie bräuchten das Gatter doch wieder.
Tillmann Reik Also: Ambiguität und Ambivalenz. Das Gatter erfüllte (mitsamt etlicher anderer Verschaltungen für die es den transzendentalen Signifkanten abgab) die wichtigste Funktion des Dis-Ambiguierung.
Pietro Sanguineti Ich habe es so ausgelegt: Es war die Performanz einer Potentialität, deren Garant das Gatter war, die aber in den gegebenen Verhältnissen (Territorium HIerarchie), die nicht wirklich angezweifelt wurden, keinen Grund hatte. Die Entropie könnte darin liegen, dass es keine Möglichkeit gab, den „Bluff“ des Versprechens nicht als „Bluff“ erscheinen zu lassen, denn das Versprechen der Realisierung der Möglichkeit des Anerkennungsaberkennungsversprechens liegt auch darin, dass es eben für wahr genommen wird, also realisierbar sein muss, sonst wäre es ja ein leeres Versprechen.
Wenn alle Seiten sich ein „leeres Versprechen“ geben lässt sich das nicht sinnvoll auflösen, es enteht soetwas wie Entropie im Raum von Signifikant und Siginfikat.
Pietro Sanguineti macht Spass darüber nachzudenken. toller thread für mich
Manuel Guentert „Hunde, die bellen, beißen nicht“ sagt man und ich habe damals ergänzt, aber es darf, um das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, zu keiner Situation kommen, in der gerade das für irgendwen evident oder sichtbar wird, weil das dann einen Rachegeist weckt. Ergo: das Gatter schützt die Hunde nicht vor ihrer Aggressivität, sondern es schützt einen Bereich, in dem sie ihre Eitelkeit ohne Gefahr ausleben können. Aus demselben Grund dürfte das „Equilibrium der Schwäche“ ohne Gatter kaum aufrecht zu erhalten sein.
Manuel Guentert Frage zur Friedfertigkeit. Kann es sein, dass es sie als solche gar nicht gibt und sie, wenn sie als solche in Erscheinung tritt, immer eher schon Verlegenheit, Ratlosigkeit, Verlorenheit und vielleicht Verlogenheit ist?
Tillmann Reik Naja, unter Friedfertigkeit könnte man auch einen Vorsatz verstehen, den guten Willen, das Begehren nach eigenen Gebietsansprüchen in Zaum zu halten, Gatter um den eigenen Bemächtigungstrieb zu legen, obwohl das Begehren zur Aneignung des Fremden durchs Eigene, Selbe, weiter besteht. Innen und Außen bleibt klar geschiedenm bzw. wird in seiner Kontur durch die Einhegung des Triebs als Trieb noch einmal bekräftigt.
Was ich — vermutlich etwas zu illusionistisch — im Video jedoch in Szene gesetzt finden möchte, wäre der Verlust einer Mein und Dein und Eigen- und Fremdgruppe sondernden Kriteriologie selbst. Ein Verlust von Entscheidungs-Kriterien, der in eine Krise stürzt, die für einen Moment wie ein Delirium wirkt. Es ist unmöglich eine konsistente Menge zu bilden, selbst der Apperzeption scheint´s (vermutlich nur sehr temporär bis zur Re-Stabilisierung) unmöglich ihrer synthetischen Funktion zu entsprechen und aus einer Mannigfaltigkeit von Erscheinungen ein geordnetes Gefüge zu errichten.
Deshalb möcht ich das so gern als den Moment einer quasi-religlösen Epiphanie deuten: die exzessive Offensichtlichkeit einer Hierarchie, die man jetzt anders verstehen muss: es ist die heilige Ordnung einer radikalen Trennung ohne Sammlung. (Levinas hat ja versucht das hebräische Heilige, kadosh, vom katholisch Sakralen zu unterscheiden: Während die christliche Heiligkeit eine diffuse Kommunion, eine Verschmelung und ein Einswerden inauguierte, würde das Kadosh die radikale Trennung, gewissmaßen den Schied selbst als das unendlich mit sich selbst nicht-identische Allerheiligste erkennen).

Tillmann Reik Man kann das ganze so tief wie möglich legen und mit Spencer Brown unterscheidungstheoretisch beleuchten: die gleichsam ex nihilo hereinbrechende Weisung DRAW A DISTINCTION würde hier im Gatter ihren reifizierten Niederschlag finden. Das Gatter ist ein Zweiseiten-Stinkefinger. Und mit dessen Entzug bricht der unmarked state herein wie ein messianisches Ereignis. Interessanterweise gibt´s ein Gespräch zwischen Bateson und Spencer Brown, in dem Bateson behauptet, Spencer Brown habe mit seinem Laws of Form Kalkulus genau diese animalische Dimension der Gebietsmarkierung getroffen. Während der derart gelobte im Gegenteil dies von sich weist und beteuert, dass das Verhalten der Tiere in einer Dimension, die ihre Operationen noch einmal anders, für uns nicht vorstellbar zu Wege bringt, vollziehen müsse. Bateson bringt die Unterscheidungsmarkierung mit dem NOT in Zusammenhang und dessen Abwesenheit (also der Abwesenheit einer Negation als Operation), während Spencer Brown meint, bei Tieren könne es sich nicht um „nicht“ handeln.

Bateson: (…) what goes on between animals is evidently characterized by, amongst other things, the absence of ‘not’ — the absence of a simple negative. (…) It’s sort of
this hope, that I am here, that your Laws of Form calculus might be the sense on which to map (…) what goes on between animals. (…)
Spencer Brown: (…) they may have something superior to Laws of Form, in fact, having got something that is more important, or more fundamental, than not. Laws of [171] Form comes effectively from the licensing of the not operator in logic.

Das ist insofern witzig, als vermutlich beide recht haben, als sowohl Tier als auch animal rationale von einem nicht-nicht ausgehen müssen…

Aber was setzt sich dann da frei, im Moment der Betretenheit? Die Unterlage der Dialektik, der Boolschen Schaltalgebra, das Feld in das sie eingeschrieben sind? So etwas wie „reine Negativität“? Zumindest als „glimpse“? Denn zum Phänomen konturiert und thematisch-theoretisch dingfest gemacht ist es dies natürlich sofort je schon wieder NICHT.

Manuel Guentert Zum oben erwähnten Doppelspiel von Anerkennung und Anerkennungsaberkennung noch: Da sie ihrer beider bedürfen, um überhaupt sein zu können, was sie hier sein wollen oder zu sein vorgeben, bedürfen sie zwingend der Anerkennung des je Anderen. Anerkennung wird dadurch zu Beidem: zum immer schon dazwischen stehenden Schlichtungsprinzip UND zum Prinzip, dass die Aggression schürt bzw. erst weckt. Der Stinkefinger ist damit eine öffnende und schließende Geste zugleich. Man öffnet sich auf den Anderen hin schlicht, weil es gar nicht anders geht. Paradoxerweise öffnet man sich auf den Anderen hin, indem mittels Stinkefinger seine Anerkennung sucht, eine Anerkennung hier, der Härtere, Stärkere… zu sein. Gleichzeitig schließt man sich selbst ab, und das vermittels derselben Geste: Man zeigt an, dass man selbst NICHT bereit ist zu geben, was man vom Anderen fordert. Man will also dem Anderen entnehmen, was man selbst nicht bereit ist, zu geben: eben das Eingeständnis, härter zu sein. Da beide das, was der je Andere fordert, nicht geben können, ist die schlichtende Anerkennung der schürenden Anerkennung immer ein stückweit überlegen – wobei die antagonistischen Pole desselben Prinzips natürlich ineinander verschlungen sind. So hält das Übergewicht der schlichtenden Anerkennung das Spiel dauerhaft offen, bedarf dabei aber zwingend der schürenden Anerkennung, weil der „Sieg“ der Schlichtung auch das Ende wäre. Das auch noch zum dem, was Pietro oben zur HIerarchie sagt.
Tillmann Reik „Man öffnet sich auf den Anderen hin schlicht, weil es gar nicht anders geht.“ Diese unvermeidliche Öffnung und Affirmation des Anderen, das JA zu ihm, das ich noch sagen muss, wenn ich NEIN zu ihm sage und das eine Hierarchie einzieht, die zu einem Übergewicht der Affirmation führt, das sich (manchmal) nicht ertragen kann, würde ich als eine basale Anerkennung betrachten, die sich selbst nicht anerkennen kann. DIESE Anerkennung (die darin besteht, dass ich immer schon JA zum anderen sagen muss, um NEIN zu ihm zu sagen) muss sich verleugnen. Und das umso deutlicher, je deutlicher sie sich verrät. Jedes Nein wäre dann zuerst das Nein zu diesem vorgängigen Ja, das sich je doch niemals annulieren lässt, weil es noch vom Nein gewissermaßen im Schlepptau mitgeführt und erneuert wird.(?)
Tillmann Reik Aber noch kurz was zur HierArchie. Griechisch hieros hat offenbar die gleiche indoeuropäische Wurzel wie lateinisch ira (Zorn, Wut, Ärger, Eifer) und deutsch irren oder lateinisch errare (also das mentale Irren, wie das faktische Wandern als ständige Bewegung und Ortsveränderung). Man kann dieses Hieros hier — im Hundevideo — darin sehen, dass ein gerichteter Zorn aus seiner Bündelung freigesetzt eben in nichts anderem kulminiert als ungeregelt vagabundierender dissipativer Bewegung. Es vollzieht sich eine Aus-Ein-Ander-Setzung nicht mehr als Agon, sondern als Entlassung eines jeden aus seinem Amt und seiner Funktion. Freigestellt vom Dienst, bis auf weiteres suspendiert. Nun könnte man überlegen, ob diese Entlassung zwar hier zeitlich nachgestellt vorkommt, aber strukturell von der Ordnung, die den geregelten Frontenkrieg ermöglicht, vorausgesetzt wird.
Manuel Guentert Die Beiden scheinen noch in der sich langsam herstellenden Distanz stur aufeinander und auf sich selbst fixiert zu sein, und doch ist im Doppelspiel der immer nur scheinbar nur gegenseitigen Anerkennung und ihrer Abwehr von Anfang an ein Drittes im Spiel, das sowohl reguliert (immer ein bisschen mehr), als auch schürt. Was, wenn ein Drittes in Form einer „vermittelnden“ Person wirklich eingriffe, eine Person, die vielleicht gar nicht sähe, dass hier schon Friede herrscht? Wäre das Equilibrium gefährdet? Oder käme es dazu? https://www.youtube.com/watch?v=LpoBL5uQIiI
Tillmann Reik Vielleicht kann man diesen geteilten Starrsinn, dem die selbstverstärkende Abstossung nach und nach zur Selbstverflüchtigung verhilft als double-bind – Doppel-Bann betrachten. Beide Glieder dieses Doubles (im Spiegelspiel von Reflex-Reflektionen) sind gebannt von den Effekten des eigenen Verbannungsversuch (nämlich die reactio einer Spiegelung hervorzurufen) und der Macht des Zwischen, das sich, immer weiter wachsend, in ihrer Mitte auftut. Dieser Zwischen-Raum teilt sie und ihn (und seinen synergetisch erwirtschafteten Zuwachs) teilen sie als das tertium. Käme da jetzt noch einer, der den sie teilenden und verbindenden (Ver-)Bannraum aufbricht, wie die zur ihrer eigenen Auflösung führende Dynamik anhält, das Anwachsen dieser Leere mit seiner vermitteln-wollenden Präsenz füllt, würde sich der gemeinsame Groll vermutlich auf ihn richten?
Manuel Guentert So etwas hatte ich im Kopf ja. Wenn einer nicht sieht, dass es hier nichts zu schlichten gibt, weil eigentlich alles schon geschlichtet ist, er auf die beiden zutritt und meint, „hey Ihr Deppen, Ihr könnt doch hier keine Stinkefinger zeigen, so mitten der Stadt, und überhaupt kriegt Euch mal wieder ein“, dann könnten die Aggressionspotentiale, die sich bis dahin gegenseitig entschärfen, dennoch zusammenfließen und sich auf die vermeintlich schlichtende, eigentlich aber schürende Drittperson entladen. Die beiden Kontrahenten, die sich eigentlich unbedingt als ungleich, als besser, im Kopf des Anderen etablieren wollen, könnten sich, ob dieser Destabilisierung ihres Images, zumindest vorübergehend als die Gleichen erkennen, die sie eigentlich jederzeit sind, um nun zusammen zuzuschlagen. Paradoxerweise täte der schlichtende Eingriff eines Dritten noch etwas: Er würde wohl auch insofern destabilisierend wirken, als durch ihn offenbar wird, dass sie die ganze Zeit zu ängstlich sind, aufeinander loszugehen, weshalb sie nur im als-ob-Modus miteinander ringen. Solange das unter Verdeck gehalten wird, ist das nicht so schlimm. Wird das aber für andere sichtbar, werden sie also gewissermaßen als Feiglinge offenbar, erleiden sie eine vielleicht schwere narzisstische Kränkung, für die sie sich rächen müssten, an der Drittperson, vielleicht auch noch einander.
Pietro Sanguineti Das ist ein (für mich) großartiger Gedanke: die Exekutive wäre so etwas wie das Gatter: auch Garant für die durch Austragung („szwang“) etablierte Hierarchie, deren Legitimation ebenso unreine Nornen sind
Möglicherweise verrenne ich mich
Pietro Sanguineti Dass „man“ sich rächen müsse …
Waaaahnsinn. Due Betrachtung meines Hundes: keine für mich erkennbare Regel. Wahnsinn
Manuel Guentert Etwas Vergleichbares habe ich zur Gatterdiskussion geschrieben. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es hierfür auch gilt. Nehmen wir an, es geht zunächst um die Selbstbehauptung, das Übertrumpfen, die Eitelkeit. Bleibt es nun dabei, neutralisieren sich die Aggressionspotentiale gegenseitig. Wird die Eitelkeit aber bedroht, dann erst droht Rache, dann erst braucht es das Gatter, das ich Dir folgend als Metapher für die Exekutive nehme: Das Gatter muss sich dazwischen stellen, um die Rache zu vermeiden. Weil man annehmen kann oder fast annehmen muss, dass es irgendwann zu einer solchen Offenbarung (der Feigheit, Ängstlichkeit, etc…) kommt, die die Protagonisten nicht ertragen können, ist das neutralisierende Gleichgewicht latent bedroht. Deshalb wird das Gatter, das es eigentlich erst zweitinstanzlich braucht, schon erstinstanzlich „richtig“ gewesen sein.
Tillmann Reik Das heisst aber doch auch, dass ein erst nachträgliches Gatter, das dann, durch die Notwendigkeit dieser Nachträglichkeit, sich zu gründen, schon anfänglich gewesen sein muss, eine raum-zeitliche Struktur nahelegt, von etwas wie einer „vorgängigen Nachträglichkeit“ wie „nachträglichen Ursprünglichkeit“, ein mit sich selbst nicht zusammenfallender, schon durch ein Gatter getrennter Ursprung, ein Zwie-Spalt. Ontologisches Hysteron-Proteron oder primäre Sekundarität (sekundär, von lat. sequi, das ist das, was folgt, was das erste, von Anfang an verfolgt, so sehr, dass es kein „Ersteres“ zu geben scheint als dieses Folgen und Sich-Verfolgen, in dem ein Selbes sich als ein Anderes serialisiert.)Was daraus folgt, dass das Folgende und Verfolgende immer schon am Anfang steht ist vielleicht auch, dass dies, was du als anfänglichen Überbietungswillen, Aggression usw. setzt, das dann, wenn es nicht durch Symmetrisierung stabilisiert, in den Exzess der Rache gerät, gar nichts anderes ist als bereits schon: Rache. Rache, die, wenn sie sich in einem ökonomisch ausgewogenen Sinne an sich selbst rächen kann, wie ihre eigenen Absenz erscheint und doch gerade in der scheint´s friedlichen Tauschökonomie fröhliche Urständ feiert. (der Potlatsch allerdings ist ja jenes Moment der aggressiven Überbietung in seiner Reinform.)
Rache („führt mit den unter Recke und Wrack (s. d.) behandelten Substantiven sowie mit lat. urgēre ‘(be)drängen, (fort)stoßen, treiben’, vielleicht auch mit aind. vrájati ‘schreitet (fort), geht, wandert’ auf ie. *u̯reg- ‘stoßen, drängen, treiben, feindselig verfolgen’“), das ist jene treibende, dringlich-drängende Urgenz, des Anfangs, der Arche selbst. Und Handeln (welcher Art auch immer), was etwa Hannah Arendt noch als „archein“ begreift, einen Anfang machen, ist ursprünglich verstrickt in sie. (?)
Manuel Guentert Ja. Die Rache ist schon Rache, bevor sie (ersichtlich…) Rache wird… oh je…
Manuel Guentert wäre eigentlich eine doppelte Rache, oder? Rache als Überbietung selbst, zugleich Rache für den Zwang, überbieten zu müssen (bzw. zumindest glauben zu müssen, sich verpflichtet fühlen, das zu müssen….)? Also Rache auch noch, dem (Quasi-)Zwang ausgesetzt zu sein?
Tillmann Reik Ich weiß nicht, ja, Rache als diese Doppelung (die man als ursprüngliche Verletzung sehen kann) vielleicht. Verfolgung des Verfolgers und des Verfolgenmüssens. Das Überbietenmüssen, also dieser Hang zum Exzess und zur Hypertrophie ist ja wahrscheinlich einfach nur der Niederschlag einer unhintergehbaren Inadäquenz. Etwas ist nicht mit sich identisch und kann sich nicht einbehalten, sondern übersteigt stetig seine eigenen Grenzen, überbordet sich. Und ist auf ne Art dadurch mit sich selbst schon im Krieg, bevor es mit irgendeinem äußeren Anderen in Konflikt geraten kann. Ist andererseits, dadurch immer schon mit dem äußeren Anderen, als es selbst, kontaminiert. Aber darin, in dieser Kontamination und einer gewissen Liebe zur Feind-Seligkeit besteht sein Antrieb, sein Lebensimpuls ja überhaupt auch. Schlag und Gegenschlag (des Herzens, also des Kerns) gleichzeitig zu sein. Aber wie das Fingervideo zeigt, die beiden Momente harmonieren sich nicht so, dass ein Sillstand entstünde. Sondern es gibt Veränderung im Sinne eines Zuwachses an Abständigkeit, die Rage, es ist eine Exodus-Bewegung, die aufbricht in Trennung und Trennungen von Trennungen, usw. Irgendwie so seh ich´s. Bei Heidegger gibt´s die Feindseligkeit als etwas, das aus der Innigkeit selbst erwächst. Ähnlich stell ich mir den Ur-Knall vor; allerdings als einen der nie stattgefunden hat und permanent stattfindet.
Mikael Jaouad Man könnte auch folgern, dass hier eine etwas eigentümliche Leidenschaft am Werke ist, die, so paradox es sein mag, um ihr Nichteinlösen kämpft, denn, nur durch das auf-Distanz-halten, bleibt diese wunderbare Spannung erhalten. Würde sie sich in einer real physischen Konfrontation entladen, wäre sie genichtet.
Manuel Guentert In der Tat könnte man das. Die beiden wären so etwas wie Jäger des eigenen, nur vorgestellten Triumphes, also eigentlich Jäger der eigenen Gestalt, die sie aber infolge schon anwesender blockierender Präsenz weder erreichen können, noch überhaupt erreichen wollen. Das erhält die Leidenschaft, das Begehren (nach sich selbst) aufrecht.

Tillmann Reik Entscheidend bleibt vielleicht immer, dass dieses Duell rivalisierender Komplizen in einem Spiegelkabinett stattfindet: der Feind ist für beide nicht der ganz Andere, sondern das exakte Double, der gespenstische Doppelgänger meinerselbst. Und die (als relative Stabilisierung erfahrene) Bannkraft, die sich als eine paradoxe Dynamik der (irgendwie negativ-narzißtischen) Selbst-Hemmung erweist, speist sich aus einer Feind-Seligkeit, die einem sich Zu-gleich- und Zu-ähnlich-Sein einer Identität, die ihre Dichte und Innigkeit nicht ertragen kann, entspringt. (?) Es ist das Eine selbst (und das eine Selbst), was sich hier Gewalt antut, weil es nicht einfach eins sein kann, aber auch nicht einfach nur zwei (Einsen). Weil es bezogen bleibt, durch eine Verbindungs-Trennung, auf sich, aber sich je schon durch den Anderen (als Verdopplung und Spaltung) enteignet findet.

„Sobald es Eines gibt, gibt es Mord, Verletzung, Traumatisierung. ‚Das Eine hütet sich vor dem anderen.‘ Es schützt ’sich‘ gegen das andere, enthält aber in sich selbst, in der Bewegung dieser eifersüchtigen Gewalt, sie auf diese Weise wahrend, die Alterität oder Differenz zu sich selbst, die es zu Einem macht. Das Eine als das Andere. Zugleich, in derselben Zeit, in einer selben aus den Fugen gegangenen Zeit, vergißt das Eine, sich an sich selbst zu erinnern, es wahrt und tilgt das Archiv dieser Ungerechtigkeit, die es ist. Dieser Gewalt, die es macht. ‚Das Eine tut sich Gewalt an.‘ Es verletzt und vergewaltigt sich. Es wird das, was es ist: die Gewalt selbst. Selbstbestimmung als Gewalt. (Derrida, Dem Archiv verschrieben, 1995)

Ein zweiter Zug, der mit nochmal aufgefallen ist, wäre der Wiederholungszwang. Die Notwendigkeit, ein und diesselbe Geste zu repetieren, um sie in ihrer stets zu wünschen übriglassenden Glaubwürdigkeit zu bekräftigen spezifiziert womöglich genauer jene Selbstbestimmungsgewalt, von der Derrida spricht als eine, die sich nur als Kaskade von Dilemmata inszenieren kann. Oder hier: als Kaskade von Patt-Situationen, einem Unentschieden, was die unendliche Fortsetzung dieses auf einen Gewinner (oder die Eins als Gewinner) programmierten Spiels fordern würde. Würde nicht eben diese Wiederholung des Immergleichen auch zur Erschöpfung und Diffusion führen….

Manuel Guentert Um die Leidenschaft aufzugreifen und das Spiegelkabinett: Mein gespenstischer Doppelgänger ist einer, der ist, wie ich es bin, und dabei nicht nur einer, der mich hemmt, sondern auch einer, der mich erst ins Leben holt, der mich überhaupt ermöglicht. Mein Willen, ihn zu überbieten ruft mich ins Leben, und hält mich zugleich, durch Ermöglichung und gleichzeitige Verhinderung, darin. Insofern ist es natürlich das Eine selbst, das sich Gewalt antut, weil es nicht eines sein kann, sich aber auch nicht mehr in zwei scheiden lässt, sondern sich arrangieren muss, sich eigentlich schon arragniert hat. Aus demselben Grund legt darin nie nur Gewalt, sondern auch Hoffnung, Leidenschaft, Sehnsucht, Begehren, Liebe, alles, was sich in ihrem Erfüllen-Wollen, nie aber Erfüllen-Können als solches andauernd erhält. Wobei das alles aus demselben Grund auch schon zermürbend wirkt und ins Gegenteil kippen und in die Gewalt „abrutschen“ kann.
Manuel Guentert Wie wenn ein böser Dämon Dir nachschliche und zu Dir sagt, Du musst den Stinkefinger zeigen, um Dich am Leben zu halten, immer wieder den Stinkefinger zeigen, aber immer nur zeigen, immer wieder, alles immer wieder, immer gleich, nie aber darfst Du zuschlagen… kannst Du das aushalten? Vielleicht wissen wir jetzt, warum sie doch Distanz voneinander nehmen…

Tillmann Reik „Mein Willen, ihn zu überbieten ruft mich ins Leben, und hält mich zugleich, durch Ermöglichung und gleichzeitige Verhinderung, darin.“ Um „ihn“ überbieten zu können, müsste er, der Andere aber schon vorher da gewesen sein. Deshalb würde ich eher formulieren: Sein Wille ruft meinen Willen ihn zu überbieten (oder auch nur, ihn zu bannen, sich seiner Übergewalt zu bemächtigen, ihn mir gefügig und aneigenbar zu machen) als MICH (heisst: als die Gerichtetheit eines Ich, das sich gegens Nicht-Ich setzt und sich ganz mit dieser Setzung ein Nicht-Nicht-Ich zu sein und ein Widerwille identifiziert) hervor. „Sein Wille geschehe“ insofern, als mein Widerwille gegen Ihn (mit dem Ich mich dann identifiziere) eine Einwilligung in die Vorgängigkeit seines Willens voraussetzt; eine vorgängige Affirmation seiner, die von jeder Ablehnung vorausgesetzt wird.

„Aus demselben Grund legt darin nie nur Gewalt, sondern auch Hoffnung, Leidenschaft, Sehnsucht, Begehren, Liebe, alles, was sich in ihrem Erfüllen-Wollen, nie aber Erfüllen-Können als solches andauernd erhält. Wobei das alles aus demselben Grund auch schon zermürbend wirkt und ins Gegenteil kippen und in die Gewalt „abrutschen“ kann.“

Sofern es eben möglich wäre, Gewalt sui generis von einer Sphäre der Nicht-Gewalt erkennbar zu scheiden, ohne dass diese Trennung selbst ein Gewaltstreich wäre. Und ohne, dass man eingestehen müsste, dass diese Nicht-Gewalt (insofern sie womöglich verdrängte, verleugnete Gewalt meint, Gewalt, die als Gewalt zu bezeichnen bestraft wird) sogar die größere Gewalt darstellt. Aber klar, was Du meinst ist vermutlich so etwas wie „offene Brutalität“, gegenüber sublimierteren Formen des Grausamkeits-Managements, in denen sich, im Idealfalle, die Gewalt nicht verdrängt (und im Rückstau Reserven von gewaltiger Dimension akkumuliert), sondern in vertrackten Choreographien diversifiziert und streut. Sich ausagiert in Handlung, von denen wir uns einreden, dass sie die bessere Gewalt verkörpern, weil sie nicht unmittelbar töten, nicht zu sehr und nicht mehr als nötig töten. Und wo sie doch töten, dies „human“ zuwege bringen (die Rechtfertigung der Guillotine gegenüber dem Strang oder Henkersbeil.)

Aber welche Stellung hat das Denken eigentlich in diesem Szenario. Adorno schreibt „Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert. Weil der Denkende es sich nicht antun muß, will er es auch den anderen nicht antun.“

Hingegen Deleuze (aber ist das etwas anderes?):

„Jedes wahre Denken ist eine Aggression. Es handelt sich nicht um Einflüsse, denen wir ausgesetzt sind, sondern um Einhauchungen, Fluktuationen, die wir sind, mit denen wir verschmelzen. Daß alles so »kompliziert« ist, daß Ich ein anderer ist, daß etwas anderes in uns mit einer Aggression denkt, die jene des Denkens ist, in einer Vervielfachung, die die des Körpers ist, in einer Gewaltsamkeit, die jene der Sprache ist – das eben ist die frohe Botschaft.“

Manuel Guentert Dann wäre die Gewalt der versprochenen, aber nicht eingelösten Gewalt die Ermöglichungsbedingung von Hoffnung, etc…? Weshalb all das von der Gewalt kontaminiert bleibt… Was das Denken betrifft, bin ich deutlich näher bei Deleuze. Ich würde hier Schopenhauer ins Spiel bringen, der den Willen als primus ansieht und den Verstand als dessen posterius, den er zu seiner besseren Durchsetzung seiner selbst geschaffen hat. Insofern ist der Stinkefinger ein aggressiver Gestus und das Denken, dem man hier eine einlenkende Funktion unterstellen könnte, ist selbst deshalb aggressiv, weil es gerade das nicht tut, sondern weil es die körperliche Auseinandersetzung als zu verlustreich ansieht und es nach maximalem „Gewinn“ strebt. Es wäre eine Denken, das in der immer nur vermeintlichen Nicht-absolut-Durchsetzung eben doch das Maximale an Durchsetzung sucht (es ist hier ein Maximales, das eine gewisse Anpassung zum eigenen Gunsten akzeptiert) und deshalb hoch aggressiv ist, aggressiver noch als der „körperliche Aggressionstrieb“, den es nur zurückbindet, um eben das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Sinnigerweise gehorcht der Verstand dabei der Aggression, die er zurückbindet.

Tillmann Reik „Es gibt nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches ›Erkennen‹; und je mehr Affekte wir über eine Sache zu Worte kommen lassen, je mehr Augen, verschiedene Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird unser ›Begriff‹ von dieser Sache, unsre ›Objektivität‹ sein.“ (Nietzsche)

In diesem Sinne nochmal, etwas schräg dazu, eine weiterere Überlegung:

Die Gewalt und ihr Walten im allgemeinen und strukturell unhintergehbaren Sinn würde in meinen Augen die reine, souveräne (!) Selbstdifferenz bezeichnen, den aporetischen Umstand, dass hier ein Gleiches mit sich selbst nicht identisch ist, aber dies verstanden als ein Geschehen der regellosen Teilung einer dispersiven Kräftedifferenz, die ver-raumzeitlicht. [Da diese „als solche“ nicht in Erscheinung tritt, wird sie auch unterm Namen des „Heiligen“ und/oder — mit Bataille aber auch schon vor ihm — als Eros bezeichnet. Ein numinoser Tremor der Unentscheidbarkeit als Unterschied, und, wenn man will: Ungrund].
Also alles, was IST, alles phänomenal Seiende wäre in dieser Hinsicht in diese generative Gewalt verstrickt, bzw. wäre nichts als diese Verstrickung als Gewalt der sich zeitigenden Differenzierung. Gewalt als Sein, das sich im Verlust aneigenen will, dabei aber weiter verliert (d.h. differenziert). Da dies aber eine reine Gewalt ist als der Austrag einer Pluralisierung nur in der Weise reiner Unreinheit (also ursprünglicher Kontamination und Komplikation), scheint der Blick aus dem Fenster auf eine Blumenwiese (selber wieder das Begehren, etwas Streuendes als EINES zu erfassen) eine GEwaltlosigkeit zu erfassen, die aber spätestens im Moment dieses sensorischen Erfasstwerdens und der verstandesmässigen Auswertung zum Zwecke des Ziehens von Schlußfolgerungen bereits eine Selbst-Opponierung erfährt: die Gewalt teilt sich in relativ homogene Bezirke: den einen Blick des Betrachters und sein eines Objekt. Besser gesagt: die Gewalt, nichts als die Teilung, ent-teilt sich. Teilt ihre Teilung ab und ein.
In diesem Moment (und wann dieser Moment angefangen hat, kann nicht gewusst werden) öffnet sich reflexartig immer wieder die Konstellation einer spekularen Reflexion: im Blick der theoretischen Spekulation teilt die Gewalt sich in sich selbst und ein gegenüber. [Souverän ist hier, wie immer, weder das Eine noch das Andere, sondern die Teilung, über die nicht verfügt werden kann.]

D.h. genauer, ein Selbst konstituiert sich und ist identisch und ist es nicht (und dieses „ist“ und dieses „nicht“ spalten sich wiederum unendlich in einer Kettenreaktion von Dilemmata.) Aber hier alles in einem (insofern immer noch Leibnizschen) Universum der Spiegelungen. Im absolutistischen Spiegelsaal von Versaille. Wie eben in jeder Spiegelung HAT sich eine Identität nur, indem sie sich verdoppelnd unterbricht.Und in diesem Szenario einer Dialektik (ich sehe in diesem wie im Hundevideo-Setting nichts als eine Ausschmückung der Formalisierung A=A: Zwei stehen einander gegenüber als jeweils das deswegen Andere, weil es so gleich ist), das sich, selbstwenn es sich nicht so „egalitär“ symmetrisiert wie im vorliegen Fall, sondern eine deutliche Herr-Knecht Hierarchie erkennen lässt (die sich ja auch umdrehen lässt, im Sinne von: der wahre Herr ist doch der Knecht, der wahre Knecht der Herr!), doch einer Logik der Spiegelung folgt, der Reflexivität von Reflexen, der Reaktivität von Aktionen (in diesem Raum gilt: Actio=reactio). Das heisst, DIESE Gewalt hier — da zwei Identitäten sich jeweils als Entgegen-Setzung der anderen bestimmen wollen — ist die der Dialektik und ihres Agonalen. Die gewaltsame Hegung dieser Gewalt regelloser Kräftedifferenz in ein eingezäuntes Szenario zweiwertiger Logik; die Erfahrung des Unterschied ist nur möglich als die des frontalen Widerspruchs und Gegensatzes. So unterdrückt sich die Gewalt selbst, grenzt sich ein und symmetrisiert sich, indem sie eine Asymmetrie verdoppelt.

In Glaube, Liebe, Hoffnung etc. könnte sich eine andere, gelöstere, gelassenere Erfahrung des Unterschieds (das heisst dieser Proto-Gewalt, dieser Ununterscheidbarkeit) kenntlich machen, in der eine vorgängige Einwilligung nicht negierend abgewiesen wird, sondern freudig gegengezeichnet. Nicht Negation der Negation also durch die sich Positionen konstituieren, sondern Affirmation der Affirmation bar aller „Standpunkte.“ Wenn nicht diese Darstellung „nicht dies, sondern stattdessen jenes“ sofort wieder ins ins Schema der Entgegensetzung zurückfiele. Um das wenn nicht zu vermeiden, so doch abzumildern, müsste man wiederum hinzufügen, dass diese andere Erfahrung des Unterschiedes nicht das Gegenteil des Denken in Gegensätzen sein kann, sondern es selbst als etwas Anderes, sowieso seine Ermöglichungsgrundlage, die schrägt zu ihm steht.
[to be continued]

Tillmann Reik “ Ich trage seit einiger Zeit die Frage mit mir herum, ob das agonale Prinzip für die Entwicklung der Gesellschaft notwendig(es Übel) ist oder ob es doch der Entwicklung im Wege steht.

Ich weiß die Antwort nicht und da ich persönlich das Agonale als Ressourcenfresser erlebe, kann ich da nicht völlig unvoreingenommen urteilen.“

Ich stehle mal den Beitrag einer Diskursteilnehmerin, anonymisiere ihn, rekontextualisiere ihn und beantworte ihn an anderer Stelle, in einem Milieu, in dem sich vielleicht entspannter plantschen lässt als in einem, das von zuvielen verirrten Haifischen durchschwommen wird:

Naja, dass ein gewisses Agon (verstanden als auf Sieg ausgerichteter Wettkampf oder als auf Gelingen und Reüssieren gerichtetes heisses Bemühen) das Agens und die Agilität sämtlicher Akte ausmacht, wird man zunächst vermutlich eingestehen müssen. Tun und Handeln als tätiges Sich-Durchsetzen ist dann basal-agonal das Sich-abarbeiten an einem widersacherischen Anderen, der als Hindernis aus dem Weg geräumt werden muss oder mit dem es Kompromisse auszuhandeln gilt, die so listenreich sind, das sich mit ihnen zumindest eine selbstgesetzte Zielvorgabe erfüllen lässt. (Heisst: Akte und Handlungen stehen unter dem Bann einer Ontologie einer Teleologie: Es müssen Mittel aufgewendet und in Dienst genommen werden, um Ziele zu erreichen. Mittel dienen Zwecken und werden von ihnen geheiligt.)
Die Parole „Kampf dem Agon“, die das Szenario „Agonal versus Nicht-Agonal“ aufmacht mit der Frage „wer wird/wer sollte gewinnen, das Agonale oder sein anderes?“ könnte aber hellhörig machen dafür, dass es nicht nur etwas anderes als das Agonale geben muss. Sondern, dass dieses Andere genau darin bestehen könnte, dass auch das Agonale mit sich selbst ständig im Krieg ist, der Krieg daher im Krieg mit sich selbst und dass es daher noch eine andere Differenz geben muss, die auch dazu führt, dass ein Gewinn eine Niederlage sein kann und umgekehrt; dass sich beide als irgendwie ein- und dasselbe erweisen können, wie in einem Vexierbild. Eine andere als die oppositionelle des dialektischen Duels (Die Dialektik kann man — Giorgio Colli hat das etwa gemacht — als eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln betrachten; als die „Aufgebung“ und Bindung einer archaischen Grausamkeit in eine Gewalt, die vermeintlich den Körper nicht mehr unmittelbar erfasst, dafür aber subtil und grausam und langsam übers Wort umso nachhaltiger vernichtet. All diesen subtilisierten Gewalten, die Grausames in sich „aufheben“, kommt wiederum die Gewalt zu, dass sie ihre Gewalt sukzessive leugnen oder immerhin rechtfertigen und institutionell legitimieren müssen, was ihnen auch gelingt.)
Es muss eine andere Differenz „in“ der Differenz geben, und damit auch eine andere Weise der „Differnzierung“ als die des „Streits“, zu dem überall, wo er gerade beigelegt ist erneut ermuntert und aufgepeitscht wird: die Exzitation zu (mit Worten und Thesen) bewaffneten Konflikten, neuen und weiteren Kriegsschauplätzen auch in den Arenen des Diskursiven. (Mit dem Ruf der totalen Mobilmachung hinaus ins Arbeitslebens übrigens innig verschränkt.) Streit, der semantisch von „sich steifmachen“ kommt und ein genau solches Verhalten verlangt, soll, dieser „Moral“ oder Diskursethik gemäß „gut“ sein. Sich steifmachen, damit es eine klare Frontlinie gibt zwischen Position und Gegenposition. Damit es zwei gibt, deren jeder sich vom anderen unterscheidet aber von sich selbst — dezidiert –: nicht. Es ist auch die Aufforderung der Ausmerzung der Selbstdifferenz, die mit der Aufforderung einher geht, eine konsistente, stringente und vor allem widerspruchsfreie Position zu entwickeln.
Und damit eine Verarmung der ultradifferentiellen Bewegung eines Denkens in Differenzen, die von anderen, infradifferentiellen Teilungen durchzogen sind zum bloßen Unterschied der Auffassungen „nicht-nichtidentischer“ Rechtssubjekte.
Müsste man dafür den Streit bestreiten oder bestreiken? Oder eben lernen zu gewahren, dass und und wie und wo dieser Streit sich selbst immer schon bestreikt, sabotiert. Zum Beispiel insofern als an weiten Stellen das kompetitive Dispositiv, in dessen Zwangsjacke das Reden gespannt werden soll, immer schon unterlaufen wird. (?)

Pietro Sanguineti Einwurf:
Erkenntnis, und der Weg der sie ermöglicht, hat ihren Widersacher in den Elementen, die ihre Ermöglichung verhindern, zu deren Zweck ein Kampf gegen die Verhinderung notwendig ist, oder nicht?

Tillmann Reik Ja und nein, würde ich wieder sagen, also die Antwort ist wieder eine Aporie und ein Dilemma. Und alles Tun und Machen und Handeln hebt sich ja wahrscheinlich von diesem Dilemma ab, als dem einerseits Widersacherischen schlechthin und anderseits ermöglichenden. Der Weg von dem du sprichst, poros, hat seinen Ermöglichungsgrund im Unbegangenen und Ungangbaren, Unwegbaren (Aporia), er ist dadurch als Weg „da“, weil er als Weg weg war und droht wieder weg zu sein. Dieses Nichtda-Gewesensein und Nichda-Sein-Werden, ist auch im scheinbar einfachen Da mit dabei, aber als Verdrängtes. Im Laruellschen Sinne: des Wegs Determination in der letzten Instanz (seine letztinstanzliche Begründung) ist die Unbegründung und Un- Unter und De-Determination seinerselbst. (Deswegen die Notwendigkeit Straßen und Verkehrswege ständig zu warten, weil die „Natur“ sie sich sonst zurückerobert. Was meint Natur hier? Eine bestimmte Veruneindeutigung, Ent-Entscheidung, Des-Ortientierung. Der Weg braucht dieses, was ihm im Weg steht einerseits, andererseits ist er nur dann Weg, wenn er dieses Andere seinerselbst erfolgreich unter sich begräbt, beiseite schiebt und verdrängt. Das ist die archi-violence der Trasse, wie Derrida das nennt.)
Man könnte jetzt überlegen, wie ein anderes Überlegen, was nicht auf Überlegenheit setzt, aussehen könnte und wie eine andere Erkenntnis, die nicht auf Aneignung von Wissenskapital und Ausschaltung und Beseitigung von Hindernissen beruht. Ob es nicht auch Spuren von diesem in jeder Spur schon gibt. Zum Beispiel das „Mitleid“ bei Schopenhauer: was ist das für eine Erkenntnis; ist das eine Erkenntnis wie jede andere, oder ein bestimmtes Erkennen, was immer schon dabei ist, aber bis zu dem Moment seiner Gwwahrung — der wie eine Erweckung zur Achtsamket sein kann — bloß als verdrängtes, aber eben doch entscheidenstes? Da gibt´s irgendein „Wissen“ um diese prinzipielle Gleichheit aller Kontrahenten und ihres schwierigen Kontrakts, der sie zusammenzurrt, das löst (aus dem mythischen Zusammenhang), das sich aber eben auch erst einstellt, wenn man „gelöst“ ist. Also es ist ein Wissen, um das man nicht kämpfen kann, will man es nicht immer verfehlen, das aber in dieser esoterisch-gnostisch-herätischen Strömung, die die Tradition durchzieht für das Beste gilt. Wo man es es verfehlt (und das ja wohl zwangsläufig immer und überall), ist man um´s Beste gebracht. Was aber möglich ist, ist eine Art Ahnung davon, die in Utopien (oder besser noch Uchronien) der verschiedensten Art herumgeistert.

Einwurf 2:
Sind es die gesellschaftlichen Verhältnisse, die in einer Verknappung des Raumes nicht jede Selbstbehauptung zulässt, den Streit darum zwingend erfordert?

Tillmann Reik Tja, hmm. Man könnte ja überlegen, ob nicht sogar dort, wo vom Klassen-Kampf gesprochen wird, der Clou gerade darin liegt, dass das Proleteriat in seiner emphatischen Gestalt gerade keine Klasse mehr ist (die Gleichsetzung mit der Arbeiterklasse ist die übereilte Operation, die dann ermöglicht, einfach davon auszugehen, es ginge hier darum, dass einfach eine Klasse gegen die andere kämpft. So wir jeder gegen kämpft, wenn der staatliche Souverän dem nicht eine domestizierte Gestalt gib.) Nein, das Proleteriat ist virtuell keine Klasse mehr, es ist nichtmal die Klasse der Deklassierten, es ist die Klasse der Nicht-Klasse ohne Konturen und klare Ränder. Und sein Kampf, seine Position besteht nicht nur darin, geltend zu machen, dass nicht mehr Klasse gegen Klasse kämpft (und es selbst eben das Ziel hat, für die Klassenlogigkeit zu kämpfen, gegen die Klasse derer, die FÜR die Klasse sind), sondern, dass es selbst nicht mal mehr einen Kampf führt und nie geführt hat. Das Proleteriat im starken Sinne ist keine Klasse und führt keinen Kampf. Es steht auf verlorenem Posten, der sich nicht in einen Gewinn ummünzen lassen kann und will, weil er gar kein Posten ist und gar nicht „steht“ im Sinne eines Standpunkts. Es redet und denkt und „ist“ nicht in Termini von „mein/unser Kampf“. Von dieser radikal anarchischen und klandestinen Subversion ist im Marxschen Schrifttum m.E. viel zu spüren, aber es wird vom dem metaphyischen Überhang an dezisionistischen und voluntaristischen politologischen Präsuppositionen verdrängt. Wie auch nicht?:)
Aber klar, die hamletsche Frage: Soll ich eingreifen und „richtigstellen“ (obs edler im Gemüt zu erdulden oder im Kampf, das inkriminierte zu enden) ist halt hier wieder die alles entscheidende (und zwischen der Notwendigkeit zur Entscheidung und Nicht-Entscheidung schwanken lassende) Aporie, die es nicht möglich macht, auf deine Frage so ohne weiteres einfach nur „nein!“ zu antworten…
Aber man könnte sich vielleicht auf die Suche machen nach Nischen, die zwischen den Stühlen liegen, nicht im Sinne von Mittelwerten, versöhnlichen Medikritäten, sondern auf der Scheidelinie zwischen Hüben und Drüben selbst gelegen sind? Und deren Oszillieren und Zittern mitvollzieht.

Pietro Sanguineti Ich meinte nicht unbedingt das “Proletariat”:)
Vielmehr ist in den Klassen selbst das Raumangebot nicht unbegrenzt.

Tillmann Reik Ich dachte nur, weil in der Rede vom „Klassenkampf“ wie er etwa in den Diskursen von Laclau und Mouffe als das affirmierte Agonale wiederaufgenommen wird, das Kämpfen in seiner ganzen Militanz eben auch eingefordert und für notwendig erklärt wird, wie ähnlich von konservativ-liberalen Auffassungen her genauso. Und mir kommts immer so vor, als sei der ganze Kontext „Klassenkampf“ deswegen so interessant, weil er auch eine radikale Subversion sowohl der dialektischen Oppositionalität wie der rousseanisch-hobbschen Vorstellungen von sozialer Synthesis mittransportiert. Im Sinne von: der Kampf kämpft gegen sich selbst, aber macht auch deutlich, wiefern im Kampf etwas mitschwingt, was immer schon nicht kämpft. Was immer schon „da“ ist und nicht errungen werden kann und braucht. Halt sone gewisse -losigkeit.

Manuel Guentert Insofern wir unseren Willen nur als schon gebrochenen erfahren, und unser Wollen ihn gewissermaßen wiederherstellen will, würde ich davon ausgehen, dass umgekehrt ist, dass der Raum immer schon knapp ist und die gesellschaftlichen Verhältnisse das Problem immer nur notdürtig „lösen“ können.

Manuel Guentert Wir beanspruchen hier viel zu viel Raum. 🙂 zu spät… der Raum ist bereits gestohlen…es ist gewissermaßen schon festgelegt und steht nur bedingt zu unserer Verfügung

Pietro Sanguineti Von wem oder wodurch?

Manuel Guentert qua Dasein. siehe Kommentar oben.

Pietro Sanguineti hm, das erscheint – mir jedenfalls – als sehr interessanter gedanke. Im Rahmen der Selbstbehauptung sage ich: selbstverständlich

Manuel Guentert es ist auf jeden Fall übertrieben, aber das Pachten ist wahrscheinlich kaum weniger notwendig als die Knappheit, von der es bedingt wird.

Tillmann Reik Aber danken wir zumindest der Brache, der Allmende, die wir kollektiv bestellen können und die sogar wächst, je mehr wir drauf anpflanzen.

Tillmann Reik schon wieder hat sie ein eckchen, einen zipfel, einen kanton mehr eingeräumt: schau: hier!

Pietro Sanguineti Wenn der Wille zum Selbst, das Selbst eher in der Gemeinschaft verorten würde, könnte dann das Gemeingut wachsen, und damit der Raum für den Einzelnen?

Manuel Guentert just dafür wird das Selbst gebraucht, das diesen Konflikt auch deshalb nicht lösen kann.

 

 

 

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