Über die „Fridays for NO Future“

59766394_10214039550202923_5882828585210740736_nDie bislang qualifizierteste Äußerung zu den Fridays for future Demos/Greta Thunberg/Klima-Debatte kommt aus einer unerwarteten Ecke: Es sieht ja zunächst so aus, als würde hier von einem Ort aus gesprochen, von dem aus eigentlich gar nicht mehr gesprochen werden kann. Aber das ist sicher alles nur ein großer Irrtum – war es denn je etwas anderes? Und macht nicht gerade das den Beitrag so wertvoll?

Fridays for future: „Ihr verfügt über unsere Zukunft – und wir, wir wehren uns dagegen, wir fordern sie zurück!“ Aber wer sich nur wehrt, wer zurück-fordert, kann gar nicht anders als der Gewalt der ersten und grundlegenden Forderung stattzugeben. Ob die jungen Propheten, die uns in die Zukunft führen wollen, nun richtige oder falsche sind, mehr als den dialektischen Gegenstoß, mit dem die Macht ohnehin immer schon gerechnet hat, ja, an dem sie sich bestätigt und ausagiert, werden sie deshalb nie auslösen können. Im Gegenteil ist dieser als ihre Kehrseite nachgerade ein integraler Bestandteil der Macht.

Die offensichtlich inexistente (Anti-)Bewegung „Fridays for NO Future“ tut etwas so Simples wie Brillantes. Sie unternimmt einen so kleinen wie eleganten Sidestep: Statt sich im Rahmen des immer schon gegebenen Rahmens just dieses Rahmens zu erwehren, und damit die Rahmensetzungen selbst zu akzeptieren, tritt sie aus ihm heraus und erzählt ihm lachend, dass er nie in Geltung war: Wer keine Zukunft hat, über die irgendjemand jemand verfügen könnte, der ist in dem, was er nicht zurückholen muss, auch nicht auf die erste Gabe angewiesen. Also nein, „No Future“ war nie eine Negation der Zukunft: Der ostentative Austritt aus der Zukunft stellt nicht viel mehr und nicht viel weniger als die Bedingung für einen Blick in eine Zukunft bereit, die nie jemand anderem gehört hat als einem selbst.

Selbstverständlich glaubt niemand auch nur ansatzweise, mit einem solchen Schelmenstreich ließe sich tatsächlich auch nur irgendjemandem ein Schnippen schlagen. Nein, wir gutmütigen Clowns und traurigen Anarchisten haben natürlich schon längst begriffen, dass just dieser Entzug außerhalb des uns Gegebenen liegt. Bleibt uns dann wirklich nur der wehmütige Blick zurück, um festzustellen, dass wir schon einmal weiter waren? So viel Aufwand für fast keinen Effekt – ob sich das lohnt? Aber ja, denn auch wenn die Ökonomie uns genau dort betrügt, wo wir uns glauben lassen, wir selbst wären die Betrüger – ist das nicht alles verdammt lustig? Und allein dafür müsste sich das alles doch eigentlich gelohnt haben…

 

Add 1: „I hope I die before it gets too warm“: Einem ist das Kunststück offenkundig gelungen. Sid Vicious hat sich am 2. Februar 1979 stilvoll verabschiedet. Aber, und das ist hier entscheidend, am 10. Mai 1957 ist dieser immer jung gebliebene Mensch geboren worden. Und zeigt denn das alles hier nicht, dass er, der sich jeglicher Zukunft entschlossen entzogen hat, nach wie vor verdammt viel Zukunft hat – und damit mehr Zukunft als, sagen wir mal: DU.

 

Add 2: Oh when there’s no future
How can there be sin
We’re the flowers
In the dustbin
We’re the poison
In your human machine

Natürlich ist der performative Widerspruch schon in der Quelle selbst angelegt. Noch der gewiefteste Selbstbetrüger kann ihn ja nicht nicht sehen. Wo man keine Zukunft, kann man nichts falsch machen, also macht man in dieser Radikalaneignung der eigenen Handlungen immer schon alles richtig – und deshalb gar nichts mehr. Freilich kann man über kein „Alles“ verfügen, wenn man erst dabei ist, zu erwerben, was nie ganz erworben werden kann. So sind die Blumen im Müll, aus denen heraus sich jene strahlende Zukunft entwickelt, auf die hin man in diesem radikalen Ermächtigungsakt arbeitet, deshalb auch schon das Gift in deiner Menschenmaschine, das Dir Deine Zukunft nimmt. Denn: Wenn wir Dir Deine Zukunft nehmen, dann hast Du keine. Es hat seinen Preis und realistisch ist das nicht, aber, wie es oben steht: dafür sehr lustig…

 

Add 3: „Ever get the feeling you’ve been cheated?“ Von wem und für wen spricht Johnny Rotten eigentlich? Spricht er von sich selbst und/oder seiner Band? Hat er erkannt, dass er und/oder sie alle beschissen worden sind und nun alles vorbei ist? Spricht er vom Publikum, das im zurückliegenden Konzert, und überhaupt in allem, was sie getan haben, von ihnen, den Sex Pistols, beschissen worden ist? Beides? Wie dem auch sei, man sollte seine letzten Worte, denen sinnigerweise noch viele weitere gefolgt sind, ernst nehmen. Denn nicht einmal im Beschissen-worden-Sein selbst, sondern im Gefühl, beschissen worden zu sein, liegt die Bedingung für all das, was diesem Gefühl nachfolgt. Also gilt es, dieses Gefühl zu wecken – nur: ist es nicht eigentlich immer schon da? Und es ist nicht immer schon gut begründet, gerade dort, wo es in Erscheinung tritt? Schließlich lacht er vorher und er verabschiedet sich mit einem Schmunzeln. Wer oder was auch immer also bescheißt, es war vor dem Bescheißen lustig und – es wird auch nach dem Bescheißen lustig gewesen sein… Das Lachen zum Schluss ist die Bedingung dessen, das aus ihm hervorgeht und die Konsequenz dessen, von dem es hervorgebracht wird. Aber eigentlich war es nie weg. Man muss doch annehmen, dass dieses Lachen in seiner Notwendigkeit all das trägt, was es erst begründet. Und das – ist wirklich kein Spaß…

 

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