Über den schönen Schein

Liegt nicht die menschliche Größe in der Fähigkeit, den Schein, die brillante ästhetische Erscheinung höher zu gewichten als die graue Realität?[1] Diese Frage hat Slavoj Žižek aufgeworfen. Sie deutet darauf hin, dass sich im Adjektiv „schön“ mit Hinblick auf den schönen Schein ein Komparativ verbirgt. Der Schein wird deshalb als schön empfunden, als schön deklariert oder in seiner Schönheit vielleicht sogar als notwendig erachtet, weil die Menschen, die ihn generieren, fürchten, dass das, was zum Vor-Schein kommen könnte, wenn man ihn auflöst, trübe und trostlos sein könnte. Vom schönen Schein verhüllt, wird demnach eine „Wahrheit“, der implizit attestiert wird, schöne Illusionen aufzulösen oder platzen zu lassen. Was in dieser Verhüllung wirklich zum Ausdruck kommt, ist deshalb erstaunlicherweise eine tiefe Liebe zur Wahrheit. Denn das Trugbild möglichst ästhetisch zu modellieren, um eine enthüllende Wahrheit zu verbergen, bedeutet nichts anderes, als dass sich der schöne Schein eines urmenschlichen Verlangens nach Wahrheit bewusst sein muss. Über seine ihn generierenden Informanten weiß der Schein von sich, dass er den Vergleich gegen die Wahrheit nur für sich entscheiden kann, wenn sein Antlitz edel genug ist, um in den Menschen diese, ihre eigentliche Passion Wahrheit durch sein ästhetisches Blendwerk in den Hintergrund zu drängen. Das also wäre der schöne Schein: Ein schön verhüllter Ausdruck mühsam unterdrückter Wahrheitsliebe. So tief ist die Liebe zu etwas Unschönem wie der Wahrheit, dass das, was sie verdeckt, von edler und anmutiger Gestalt sein muss, um die erhoffte Akzeptanz zu finden. Und ist das nicht selbst „quasi-wahr“? Der schöne Schein ist immer mehr als nur das, was er zu sein scheint. Ist er also in dem, als was er einberufen wird, nicht nur schöner, sondern, allein weil er als das gebraucht wird, was er ist, auch irgendwie wahrer als jede „Wahrheit“, die ihn auflösen könnte?

[1] S. Žižek, Less than Nothing – Hegel and the Shadow of dialectical Materialism. London/New York 2012: S. 47.

2 Gedanken zu “Über den schönen Schein

  1. Folgen wir einem Moment dem Unterweltenfluss des Vergessens der Titanin Lethe, so ist Aletheia, die Wahrheit das Unverborgene ihm entstiegene, und der schöne Schein der ins Jenseits führende Fluss des Vergessen werden. Als heil ihr

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