Darüber, weshalb derjenige darin umkommt, der sich nicht in Gefahr begibt. Über die geballte Angst vor meiner Eitelkeit und darüber, weshalb sie mich rettet.

Wer sich nicht in Gefahr gibt, kommt darin um. Ob das Zitat nun der Feder Ernst Blochs oder Bertolt Brechts entflossen ist, soll hier keine Rolle spielen. Es ist tödlich, sich nicht in Gefahr zu begeben, das wird das sein, was uns hier interessieren wird. Wer überlegt, ob ein bestimmtes Risiko es wert ist, eingegangen zu werden, das könnte das Zitat etwa besagen, der sollte es eingehen. Denn wer der Gefahr, die das Risiko in sich trägt, aus dem Weg geht, der verpasst das Leben. Der Konformist, der sich allein und immer nur in den Strukturen bewegt, die jemand anders längst für ihn ausgelegt hat, der wird darüber, was man Leben nennt, nie verfügen – in einem noch stärkerem Maße gilt das natürlich für den Non-Konformisten. Das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Berechenbarkeit, nach einem einseh- und einschätzbaren Erwartungshorizont erweist sich als schleichender Tod oder, drastischer noch: wer weiß, was kommt und sich nicht davor fürchtet, der ist doch eigentlich schon längst tot, denn es wird nichts mehr da sein, aus dem heraus sich ein Leben entwickeln könnte. Schlimmer noch, es wird nie etwas dagewesen sein, das je Berechtigung besessen hätte, Leben genannt zu werden.

Es empfiehlt sich also allein deshalb, sich in Gefahr zu begeben, weil es ein Leben überhaupt nur in Gefahr geben kann. Nur garantiert ist das Leben dort keineswegs, denn wiewohl ein Sich-nicht-in-Gefahr-Begeben immer tödlich ist, lauert der potentielle Tod nach wie vor in der Gefahr selbst. Ihr wisst schon, ich spreche von diesem eigentlichen Tod, von dem, der auch die Materie auslöscht. Sich in Gefahr zu begeben, in die nächste Nähe des möglichen Todes und diesen möglichen Tod zu überleben, darin läge also die wohl einzige Möglichkeit, nicht umzukommen bzw. immer schon tot oder nie am Leben zu sein. Es sieht so aus, als müsste man es erstmal kehren: Man wird geboren, man ist tot und wenn alles gut geht, dann stößt das Leben irgendwann tatsächlich zu dem dazu, was bis dahin nur so genannt worden ist. Nur sicher ist das nicht.

Der Wunsch, überhaupt über so etwas wie ein Leben zu verfügen, wäre demnach das, das einen in die Gefahr treibt. Den immer möglichen Tod sucht, wer leben will, er muss ja, denn sonst ist er schon tot. In der Gefahr, die einen umbringen kann, liegt zugleich das, was das Leben erst ermöglicht. Leben ist damit nur im Angesicht der immer möglichen Vernichtung dieses selben Lebens möglich. Denn, wir drehen uns mittlerweile im Kreis, wem es gelingt, sein Leben so einzurichten, dass er seiner Vernichtung entgeht, der ist schon längst vernichtet. Meine einzige Möglichkeit, meiner Vernichtung zu entgehen, liegt also darin, mich ihr auszuliefern, mich meiner eigenen Vernichtung zu öffnen, meiner Vernichtung bereitwillig und zugleich voller Angst meine Tore zu öffnen, und sie willkommen zu heißen, denn sie allein kann mich am Leben erhalten, ja überhaupt erst ins Leben bugsieren. Oh Gott, mein Gott, warum hast Du das nur zugelassen? Ich werde zum Sklaven meiner eigenen immer möglichen Vernichtung, und das immer dann, wenn ich endlich leben will.

Daraus resultiert ein irritierend instrumentelles Verhältnis zur Gefahr. Es ist ja für mich nur vernünftig, mich in Gefahr zu begeben, denn wenn ich es nicht tue, dann bin ich schon längst tot. Die Gefahr, meine Gefahr, ist mein Informationszulieferer, vielleicht der einzige, der mir wirklich verlässliche Informationen über mich selbst zuspielt. Instrumentalisiere ich diese Gefahr nicht, dann hungre ich aus, dann sterbe ich so schleichend dahin. Insofern ich also so etwas wie eine Sehnsucht nach Leben besäße, wäre dies eine Sehnsucht, die mich zwar möglicherweise in Gefahr treibt, dieser unheimlichen Sehnsucht wohnt dann etwas potentiell Selbstvernichtendes inne, aber immer auch schon und vielleicht vor allem etwas Selbstschöpfendes. Wenn es nun ein Leben nur in der Gefahr gibt, dann gibt es ein Leben auch nur in der Angst. Denn eine Gefahr, vor der man sich nicht ängstigt, ist schlechterdings keine Gefahr. Und die Gefahr, vor der man sich zurecht ängstigt, ist die notwendige, keineswegs aber hinreichende Bedingung für ein Leben. Nur dort, nur in der Gefahr, um es noch einmal zu wiederholen, gibt es überhaupt ein Leben, das damit immer nur eines ist, das die Bedingungen, unter denen allein es stattfinden kann, fortlaufend unterminieren muss.

Worin liegt die Gefahr, die allein mir das Leben ermöglicht, eigentlich? Im blauen Auge? Im gebrochenen Nasenbein? Man könnte meinen, darin unter anderem läge es, denn was weh tut, bleibt nicht nur, wie Nietzsche meint, im Gedächtnis, sondern es erhöht auch die Intensität. Deshalb bleibt es ja im Gedächtnis. Zumindest tut es das, solange es weh tut und vielleicht tut es das auch noch in den seelischen Nachwehen. Aber vielleicht ist das auch völlig harmlos. Vielleicht liegt die wahre Gefahr im beißenden Spott, der einen schleichend ermordet? Im Mobbing, das einem jedes Vertrauen in die Mitmenschen nimmt? Im Rufmord, der einen für die Augen all jener vernichtet, vor denen man dieses ominöse Leben überhaupt zelebrieren will?

Es wird absurd, oder? Denn in einem Rufmord, der mich für alle anderen ermordet und in die andauernde und sicher nicht zu ertragende Isolation mit mir selbst treibt, liegt dann auch schon alles, was mir doch noch ein Leben sichert. Überleben kann doch auch nur, wer in Eurer Schusslinie bleibt. Ihr, die Ihr das jetzt liest, Ihr habt mir unendliche Schmerzen, Qualen, Ängste, und schlaflose Nächte bereitet. Gut, dass Ihr das getan habt! Danke für das kleine bisschen Leben, das Ihr mir gespendet habt, Ihr Zombies! Und ich? Bin ich denn besser? Nein, oder? Müssen sich die Menschen, denen ich selbst Schmerzen Qualen, Ängste und schlaflose Nächte bereitet habe, bei mir dafür bedanken, dass auch ich ihnen ein klein wenig Leben geschenkt habe? Ja, oder? Schickt mir Grußkarten aus der Hölle, durch die ich Euch geschickt habe! Gerne habe ich es nicht getan, aber Ihr seht ja jetzt, dass es zu Eurem Besten war!

Was heißt das alles? Die Gefahr liegt nicht da draußen. Sie droht mir von innen. Ich glaube, dass der Wunsch, überhaupt über ein Leben zu verfügen, ein überaus eitler Wunsch ist. Vielen ist das nicht vergönnt und den Wenigen, denen es irgendwie doch vergönnst ist, ist es das auch nur in kleinen Dosen. Deshalb kann ich eigentlich nur zum Schluss kommen, dass ich tatsächlich eine massive Angst vor meiner eigenen Eitelkeit habe. Denn sie, meine verfluchte Eitelkeit, zwingt mich, mich auf einem Territorium auszustellen, von dem ich befürchte oder sogar weiß, dass ich auf ihm nicht bestehen kann.

Ich sehne mich also nach all dem Elend, das dann über mich hereinbräche, wenn ich endlich auf diesem Territorium stehe, ein Elend, das in kleinen Dosen schon über mich hereingebrochen ist. Natürlich weiß ich jetzt schon, dass ich das niemals aushalten kann, aber gerade das ist doch das Verlangen. Das ist der Preis, den eine nicht zu verleugnende Eitelkeit mir jederzeit abringt. In meiner Eitelkeit liegt dann die Gefahr. In ihr birgt sich meine immer mögliche Vernichtung, und mit ihr auch schon alles, was ich je an Leben erwerben kann. Der Dolchhieb, der mich ausbluten lässt, ich würde ihn zwar nicht selbst ausführen, aber meine Vernichtung wäre dennoch nicht anders denn als eine Selbstvernichtung, eine eigentlich gewollte Selbstvernichtung zu denken. Schließlich habe ich sie angestrebt, um überhaupt leben zu können.

Die Gefahr, um das alles zu Ende zu führen, liegt also darin, sich auszusetzen, sich aus der Kontrolle seiner eigenen Hand zu geben. Denn gerade das, so paradox das zunächst klingt, tut man allein um seiner selbst willen. Man liegt dann, und jetzt ahnt Ihr auch schon, wie gefährlich das wirklich ist, in der Hand all jener, die sich nicht in Gefahr begeben. Das eigene Leben liegt dann in der Hand von etwas, das einen unbarmherzig vernichten kann und wahrscheinlich auch wird. Es liegt jetzt in der Hand der Toten, die einem ein Leben ermöglichen sollen. Ja genau, von Euch Toten verlange ich nichts weniger als mein Leben! Ich weiß natürlich, dass Ihr mir genau das niemals geben könnt. Aber wenn Ihr Euch weigert, ihr Toten, mir mein Leben zu geben, dann und gerade dann habt Ihr es mir gegeben! Deshalb, um all das noch einmal zu wenden, ist mir auch klar, weshalb Ihr mir die einzige Gabe, die ich wirklich von Euch verlange, nie geben könnt. Falls Ihr sie mir dennoch gebt, könnt Ihr sie mir jederzeit wieder entziehen. Und aus Eurer Sicht tut Ihr gut daran, mir gerade diese eine Gabe zu verweigern, die allein mir wichtig ist, denn wie könntet Ihr mir je geben, was Ihr selbst nie genommen habt?

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