Über den „Mut der Hoffnungslosigkeit“

Slavoj Žižek bevorzugt es in seinem neusten Buch, ein Pessimist zu sein: „Der Mut der Hoffnungslosigkeit ist tatsächlich ein düsteres Buch, aber ich ziehe es vor, Pessimist zu sein. Wenn ich nichts erwarte, werde ich hin und wieder angenehm überrascht (weil die Dinge dann doch meistens nicht so schlimm sind, wie sie sein könnten); der Optimist muss dagegen mit ansehen, wie seine Hoffnungen zunichtegemacht werden, und ist ständig deprimiert.“[1] Tatsächlich beruht das, was er hier als „Pessimismus“ ausweist, auf einer fehlerhaften Prämisse – aber vielleicht ist das ja so gewollt? Eine Situation ist hoffnungslos, wenn sie die Option der Hoffnung schlechterdings nicht mehr zulässt. Auch eine Entscheidung zwischen Optimismus und Pessimismus ist dann nicht mehr möglich, die äußeren Zwänge legen einem einen Pessimismus auf, ohne dass man sich dessen noch erwehren könnte. Pessimismus ist ohnehin nichts, wofür man sich entscheiden könnte. Beschwört eine Situation nun einen „Mut der Hoffnungslosigkeit“ herauf, kann sie gar nicht hoffnungslos sein.

Einen „Mut der Hoffnungslosigkeit“ kann es schlicht nicht geben: Wo Mut ist, kann Hoffnungslosigkeit nicht sein. „Wahrer Mut besteht nicht darin“, so äußert er sich an anderer Stelle, „sich eine Alternative auszumalen, sondern darin, die Konsequenzen der Tatsache zu akzeptieren, dass es keine klar erkennbare Alternative gibt: Der Traum von der Alternative ist ein Zeichen von theoretischer Feigheit, dient er doch als Fetisch, der uns davon abhält, die Ausweglosigkeit unserer Lage konsequent zu Ende zu denken.“[2] Wenn Žižek vor allem deshalb pessimistisch ist, um positiv überrascht werden zu können, dann besitzt er auch keinen wahren Mut, weil er sich der Alternativlosigkeit gerade nicht stellt. Er entscheidet sich für die bessere Alternative der nur scheinbaren Alternativlosigkeit und müsste sich eigentlich, insofern man den von ihm erhobenen Maßstab an ihn selbst anlegt, der theoretischen Feigheit bezichtigen lassen.

Wer aus dem Grund den Pessimisten mimt, weil er dann positiv überrascht werden kann, ist Pessimist nicht aus einer wahrhaft pessimistischen Haltung heraus, sondern die – optimistische! – Hintergrunderwartung auf das Bessere ist schon zum Zeitpunkt seiner Entscheidung das, was ihn veranlasst, für den Pessimismus zu votieren. Es handelt sich um eine taktische Maßnahme. Die Hoffnungslosigkeit ist nie wirklich eine solche, sondern sie hat von Anfang an keinen anderen Zweck als das Erwecken des eigentlich ersehnten Mutes. So verschwindet sie eigentlich auch von Anfang an hinter dem Mut, in dessen Dienst sie schon zu dem Zeitpunkt steht, in dem sie als vermeintlich solche erkannt wird – eigentlich wird sie nicht einmal wirklich als solche erkannt, sondern im Hinblick auf die optimistische Hintergrunderwartung zu einer solchen (v)erklärt. Der Hintergrund ist vorher schon der eigentliche Vordergrund. Eine tatsächlich optimistische Vorannahme ist es, die zu einem nur vorübergehenden Schein-Pessimismus leitet. Ein Zweckpessimismus liegt hier vor; dieser Zweckpessimismus verfolgt a priori den Zweck, dem Zweckpessimisten die Hoffnung zu geben und/oder zu erhalten. Der uneigentliche Pessimismus ist ihm die Bedingung für die Möglichkeit des Optimismus.

[1] S. Žižek, Der Mut der Hoffnungslosigkeit. Frankfurt am Main 2018: S. 25.

[2] S. Žižek, Der Mut der Hoffnungslosigkeit. Frankfurt am Main 2018: S. 12.

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