Über eine doppelte Täuschung, die deshalb doppelt täuscht, weil sie keine (mehr) zu sein scheint.

Chiromanten, Wahrsager, Horoskopsteller, Kartenleger und Scharlatane, das ist längst erkannt worden, täuschen um einen geringen Preis die, welche getäuscht sein wollen.[1] Ihr eigentlicher Zweck liegt somit weniger in ihrem Täuschen als im Getäuscht-Sein-Wollen ihres Gegenübers. Der Grund, weshalb sich jemand von ihnen täuschen lassen will, birgt sich in der Autorität, die sie der Täuschung kraft ihrer Funktion und ihrer – vermeintlichen – Kenntnisse verleihen. Unabdingbar dabei ist ihre Fähigkeit zur prononcierten Selbstdarstellung. Sie müssen demjenigen, der sich von ihnen täuschen lassen will, das Gefühl vermitteln, sie seien die Richtigen, genau das zu tun.

Weshalb bedarf die (Selbst-)Täuschung der Autorität? Eigentlich kann sich ja jeder, der getäuscht sein will, ohne viel Aufwand selbst täuschen. Doch ist es nun wirklich allzu profan, sich selbst zu täuschen. Ein gehobener Anspruch übergibt die (Selbst-)Täuschung in fachmännisch täuschende Hände – wobei die fachmännisch täuschenden Hände erst durch diese Übergabe wirklich zu solchen werden. Hinter der zugeschriebenen Autorität scheint die Täuschung als solche zu verschwinden. Die Täuschung täuscht nun quasi über ihr täuschendes Wesen. Von einer dafür einberufenen Autorität derart professionell getäuscht, kann der Getäuschte sich glauben machen, es verhielte sich wirklich so, wie er sich glauben machen will.

Wer sich so getäuscht hat, kann sich davon überzeugen, die Autorität – die erst durch seine doppelte (Selbst-)Täuschung zu einer solchen geworden ist –, verfüge tatsächlich über das Potential, das er ihr zuschreibt. Was sich in der eigenen Wahrnehmung selbst aufzuheben sucht, ist nun eigentlich doppelt wirksam. Vielleicht verfügt die entsprechende Autorität tatsächlich über das entsprechende Potential, vielleicht nicht. Jedenfalls offeriert die Verdoppelung seiner Täuschung dem Getäuschten die dankbar angenommene Möglichkeit, sich von seiner (Selbst-)Täuschung zu distanzieren, sobald er sich von ihr ent-täuscht zeigt. Nun ist – und war es immer schon! – der Chiromant, Wahrsager, Horoskopsteller, Kartenleger oder Scharlatan, dem er seine Täuschung überwiesen hat, der ihn zunächst ge- und dann auch ent-täuscht hat. Der Scharlatan trägt nun die Schuld, dass er, der schändlich Getäuschte, sich selbst täuschen wollte. Diesen Zweck also dürfte die Autorität der Täuschung erfüllen: Der Getäuschte isst den Kuchen und behält ihn dennoch ganz. Er hat sich erfolgreich getäuscht, und dabei die Verantwortung dafür an eine Drittperson abgegeben. Er selbst ist nicht mehr für seine (Selbst-)Täuschung verantwortlich.

[1] J. de la Bruyère, Die Charaktere oder die Sitten des Jahrhunderts. Leipzig 1940: S. 369.

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