Über die Gemeinschaft, die – im doppelten Sinne – „gemein“ macht.

Jede Gemeinschaft macht irgendwie, irgendwo, irgendwann – „gemein“.[1] Nietzsche weist auf einen Unvermeidlichkeit hin. Es scheint unumgänglich: Die Gemeinschaft holt einen insofern unvermeidlich ein, als dass sie einen – irgendwie, irgendwo, irgendwann – gemein macht. Er unterschlägt – absichtlich? – den expliziten Hinweis, dass zwei Deutungen möglich sind und diese Deutungen sich gegenseitig bedingen. Es sei hiermit nachgeholt: Dem Verfechter der „Verzückungsspitze“, des sich in einsame Höhen schraubenden, sich selbst überwindenden Menschen, ist die Nivellierung unerträglich, die er, das außergewöhnliche Exemplar, in besagter Gemeinschaft erfährt. Ob er will oder nicht: Er passt sich den anderen an. Er wird unweigerlich „gemein“ (1) im Sinne von gewöhnlich. Ebendas ist dem, der sich für außergewöhnlich hält, einigermaßen unerträglich. Ihm ist es ein Graus, „gemein“ zu sein.

In seiner Außergewöhnlichkeit, in seiner Besonderheit und seiner Einzigartigkeit will er anerkannt sein – und zwar genau von der derjenigen Gemeinschaft, die ihn „gemein“ macht. Er glaubt sich selbst gezwungen, dieses  Besondere an sich herauszustreichen und durchzusetzen. Gelingt es ihm nicht, das Außergewöhnliche an sich zu behaupten, dann ist er ja – gewöhnlich, also: gemein. Deshalb sind ihm dazu bisweilen alle Mittel recht. Nichts weniger als er selbst, der, der er zu sein glaubt, steht auf dem Spiel. Er wird „gemein“ (2) – und dieses „gemein“ meint jetzt fies, verschlagen, boshaft. Wenn wir diesen Spuren folgen, dann ist das, was „gemein“ (1) macht, immer schon dasselbe, was „gemein“ (2) macht: „Gemein“ (2) werden wir gerade dann, wenn wir „gemein“ (1) werden. Das wirft natürlich, in einer der unzähligen Varianten, die Frage nach dem Huhn und dem Ei auf: Welches „gemein“ geht denn dem voran? Eigentlich aber geht kein „gemein“ dem anderen voran, denn keines der beiden „gemein“ existiert für sich. Es ist immer vom je anderen abhängig, durch das es überhaupt gemein wird. Es ist der unvermeidliche Zusammenprall, der der nicht minder unvermeidlichen Aporie Geburt gibt.

[1] F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse. Leipzig 1886: 9.284.

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