Über das (Nicht)-Erwischt-Werden-Wollen

Ich war sieben oder acht Jahre alt. Eishockey habe ich gespielt, eher leidlich als begeistert oder begeisternd. Ein paar Spiele hatte ich bereits absolviert, da wurde ich in aller Deutlichkeit eines akuten Mangels gewahr. Ein Nebenmann von mir wurde nach einem Foul auf die Strafbank verwiesen. Fast alle meiner Mitspieler saßen zu diesem Zeitpunkt schon auf der Strafbank. Ich nicht. Deswegen befürchtete ich, unter Verdacht zu geraten. Infolgedessen beging ich ein Foul. Es war ein völlig unnötiges Foul, ausgeführt in einer Situation, in der unsere Mannschaft in keiner Bedrängnis stand. Dennoch – nein: deshalb! – erfüllte es seinen Zweck. Der Schiedsrichter, der in der Nähe stand, pfiff und schickte mich auf die Strafbank. Erleichtert betrat ich sie, immerhin war ich das los, von dem ich annahm, es sei ein Stigma.

Bei meinem Foul handelte es sich nicht um ein taktisches Manöver. Es diente nicht dazu, meiner Mannschaft einen – illegitimen – Nutzen herauszuschlagen. Mir war nicht daran gelegen, den Gegner zu schwächen, möglichst ohne dafür bestraft zu werden; also beispielsweise einem gegnerischen Spieler fernab der aufmerksamen Augen eines Schiedsrichters ein Bein zu stehlen, um ihm den Puck abzunehmen. Solch ein heimliches Foul hätte meiner Mannschaft einen Vorteil erbracht; dieses offene Foul dagegen, begangen direkt vor den Augen des Schiedsrichters, diente allein meinen eigenen Bedürfnissen. Mein Foul zielte auf seine „Enttarnung“, während, eigentlich noch bevor es begangen wurde. So erfüllte es seinen einzigen Zweck: Dafür die erwartete – erhoffte – Strafe zu erhalten. Tatsächlich hat meine Mannschaft, die dem Gegner nun, für die Dauer dieser Strafe, in Unterzahl gegenüberstand, keinerlei Nutzen, sondern nur Schaden erlitten.

Zu diesem frühen Zeitpunkt regte sich so ein erstes, scheues Bewusstsein für etwas, das sich später in aller Schärfe darin einbrennen sollte. Ich bin Zeuge eines von mir selbst in Gang gesetzten Prozesses geworden, der eigentlich eher ein Prozess war, von dem ich mich erfasst fühlte. Solche doppeldeutigen Prozesse lassen sich in vergleichbarer Form – aber in anderen, höchst unterschiedlichen Kontexten – immer wieder beobachten. Ich erteilte mir damit selbst eine Lektion bzw. hielt eine Lektion erteilt, die ich erst viel später einigermaßen begriff. Es war dies eine Lektion über das Erwischt-Werden. Sie liefert einen Hinweis darauf, warum das Verhältnis zwischen der „falschen“ Handlung und dem dafür Erwischt-Werden bisweilen aus einer entgegengesetzten Perspektive zu betrachten ist.

Warum also werden so manche, die etwas „Falsches“ getan haben, nicht erwischt? Natürlich, möchte man meinen, sie werden deshalb nicht erwischt, weil sie sich zu schlau angestellt haben, um erwischt zu werden. Ihnen ist es gelungen, ihre falsche Handlung unter Verschluss zu halten und dennoch den Vorteil aus ihr zu ziehen, den sie von ihr erhofft haben. Aber das begründet mitnichten jedes Nicht-Erwischt-Werden. Viele, noch mehr, werden schlicht deshalb nicht erwischt, weil sie es – die falsche Handlung – nicht begangen haben. Das ist doch klar, möchte man nun einwenden, wer nichts Falsches tut, wird logischerweise auch nicht dabei erwischt. Das ist natürlich richtig, aber so wie davon auszugehen ist, dass die falsche Handlung einem einen Vorteil sichern soll, können wir annehmen, dass sich unter bestimmten Bedingungen, ähnlichen wie den oben beschriebenen, das Erwischt-Werden selbst als der Vorteil erweist, den es herauszuschlagen gilt. Das Nicht-Erwischt-Werden erweist sich dann als Malus, das Erwischt-Werden dagegen als Bonus.

Wenn wir nun der Annahme folgen, es gäbe Kontexte, in denen es sich als problematisch erweist, nicht erwischt zu werden, kann die Frage, warum so viele erwischt werden, obschon es sich doch eigentlich darum drehen sollte, einen Vorteil zu erwerben, ohne sich erwischen zu lassen, um die entgegengesetzte Perspektive erweitert werden. Wieder zuerst das Offenkundige: Diese vielen, die erwischt werden, werden erwischt, weil sie nicht schlau genug waren, sich nicht erwischen zu lassen. Aber das begründet keineswegs jedes Erwischt-Werden. Denn manche von denen, die erwischt werden, werden – allein oder vor allem – deshalb erwischt, weil sie erwischt werden wollen. Ihre „falsche“ Handlung ist eventuell sogar von Anfang an – insgeheim oder offen – daraufhin ausgelegt worden, erwischt zu werden. Das ist dann der Fall, wenn sie einen Nachweis brauchen – das Gefühl haben, sie bräuchten einen Nachweis! – dass sie es, also besagte falsche Handlung, wirklich begangen haben.

In manchen Fällen führt das noch weiter und uns zur nächsten und letzten Frage, die wir an uns selbst richten wollen: Warum nun werden zuweilen sogar diejenigen erwischt, die das, wofür sie erwischt werden, nicht einmal begangen haben? Auch sie wollen erwischt werden und das mitunter durchaus für einen Schaden, den sie entweder nicht angerichtet oder allein deshalb angerichtet haben, um erwischt zu werden. Sie fühlen sich übergangen, so wollen auch sie den Nachweis führen, dass sie begangen haben, was sie unter Umständen gar nicht begangen haben bzw. allein deshalb begangen haben, damit es von ihnen begangen worden ist. Das ist das, was ihnen den versprochenen Vorteil zu sichern scheint.

Ein Gedanke zu “Über das (Nicht)-Erwischt-Werden-Wollen

  1. Viele werden auch deshalb nicht erwischt, weil diejenigen, die sie erwischen könnten, aus eigener Erfahrung über das Prinzip des – nennen wir es mal – Lügens sehr gut Bescheid wissen. Man hat es selbst schon x mal praktiziert, erkennt das Schema der aktuellen Lüge eines anderen. Und schweigt.

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